Freitag, 10. Juni 2016

Griechenland – Ein Jahr nach dem „OXI“: Was hat sich getan?





Die Krise in Griechenland ist bei uns aus der öffentlichen Diskussion verschwunden, nur über die katastrophale Situation der Flüchtlinge wird ab und zu noch berichtet. Ach ja, und natürlich, wenn es um ‚unser Geld’ und dessen ‚Verschwendung durch die Griechen’ geht. Kritische Stimmen aus Griechenland, sucht man in unserer Berichterstattung zumeist vergebens. Lieber gerieren sich unsere Journalisten als Zuchtmeister und Propagandisten der Politik der Bundesregierung. Einen Lichtblick in dieser Situation bot am 7. Juni in Stuttgart der in Thessaloniki an der Universität lehrende Professor Athanasios Marvakis.
Athanasios Marvakis
Bekannt wurde er, als er in der Talksendung des ZDF mit Maybrit Illner dem CDU-Fraktionschef Kauder die Leviten las – „Danach hat mich auch keiner mehr auf ein deutsches Podium eingeladen“, sagt Marvakis. Auf der Veranstaltung der Rosa Luxemburg Stiftung in Stuttgart konnte er seine Sicht der Dinge darlegen. Der Professor engagiert sich seit längerem in Nordgriechenland für Flüchtlinge und ist ein Kenner der linken- und alternativen Szene seines Landes.



Was hat sich seit dem „OXI“ (Nein) der Griechen zur Troika-Politik vor einem Jahr verändert? „Nicht viel“, meint Marvakis. Seit dem die Regierung Tsipras danach „überredet“ worden sei, das Memorandum der Gläubiger zu unterschreiben, kontrollierten sie faktisch seine Politik. Gleichzeitig verkaufe er den fortschreitenden sozialen Kahlschlag im Land der griechischen Öffentlichkeit immer noch als Reform. Bisher
Nach der 'Reform'....
sei es der Regierung nicht gelungen, den Staatsapparat ernsthaft zu kontrollieren. In Athen folge man dem Spardiktat mit der altbekannten ‚Rasenmäherpolitik’. Überall würden die Mittel gekürzt – die Strukturen aber unverändert gelassen. Marvakis Fazit: „Wer vor der Krise schlecht vom Staat behandelt wurde, bekommt das jetzt noch stärker zu spüren.“



Bei aller Kritik an Tsipras sei aber zu bedenken, dass es sich um keine linke Regierung in Athen handele, betonte Marvakis. Schließlich musste Syriza mit der rechtsnationalen ANEL-Partei koalieren. Alle anderen Parteien seien für die Troika-Politik gewesen, die ANEL habe sich von der konservativen Nea Demokratia abgespalten, weil die Nationalisten diese Politik nicht unterstützen wollte. Warum Tsipras und Syriza allerdings nach dem Einschwenken auf die Politik der EU-Gläubiger nicht den Partner wechselt – die Frage wurde auf der Veranstaltung nicht diskutiert.



Faktisch wird die griechische Gesellschaft durch die breit entwickelte Selbsthilfe zusammengehalten, meint Marvakis. So wäre beispielsweise das Gesundheitssystem längst zusammengebrochen, würden nicht die landesweit etwa 50 Kliniken und Gesundheitszentren, getragen von Initiativen und Privatleuten, die Menschen ohne Versicherung notdürftig  versorgen. Dabei gehörten nicht nur die Armen zu ihren Kunden, denn immer mehr Menschen aus dem Mittelstand - auch Kleinunternehmer  - könnten sich die hohen Sozial- und Gesundheitsabgaben nicht mehr leisten. Besonders wütend reagiert Marvakis auf die Frage, wie sich denn die griechisch-orthodoxe Kirche verhalte: „Die Institution Kirche tut nichts für die Armen, dabei ist sie in Griechenland unerhört reich.“ Daran ändere auch nichts, dass einzelne Gemeinden, Priester oder sogar Bischöfe engagieren würden.



Auch kein gutes Haar ließ der Professor in Stuttgart an Ministerpräsident Alexis Tsipras und seiner Syriza-Partei. Erst durch die sozialen Bewegungen groß geworden, sei ihr jetzt das außerparlamentarische Standbein abhanden gekommen: "Eine Partei mit einem kleinen Apparat, der in die Regierungsgeschäfte involviert ist. Aber eine Partei ohne Basis!.  Die Hoffnung vieler ‚Bewegter’ habe darin bestanden, dass sie über Syriza im Land einen politischen Raum erhalten würden und ihre Ideen umsetzen könnten. „Durch die Regierungsübernahme ist das erstmal abrupt abgebrochen worden“, konstatiert Marvakis.  Aber auch die linken Kritiker, die Syriza nach dem ‚Ja’ zum Memorandum verlassen hatten, bekommen ihr Fett weg. Ihr Scheitern bei der Wahl an der Dreiprozenthürde war für Marvakis vorhersehbar: „Es ist eben so, dass zwar ein Drittel der Griechen Syriza gewählt haben. Aber das haben sie nicht getan, weil sie Links waren, sondern weil sie eine andere Politik wollten.“ Mit diesem Problem hat ja nicht nur die Linke in Griechenland zu kämpfen, man denke nur an die Verluste der Partei „Die Linke“ in der Bundesrepublik an die AfD bei den letzten Landtagswahlen. Marvakis warnte jedenfalls, Alexis Tsipras einfach nur als Verräter abzustempeln: „Die internationale neoliberale Politik kann man nicht mit ‚Bordmitteln’ in Athen stoppen.“ Dies sei eine Aufgabe der gesamten Linken in Europa. Angesichts dessen könne er Verstehen, dass der Ministerpräsident jetzt versuche, die Unterstützung der Sozialdemokraten in der EU zu bekommen. 



Den erneut aufflackernden Debatten über einen Grexit Griechenlands erteilte Marvakis in Stuttgart eine deutliche Absage. Der Wunsch nach einer ad hoc Lösung mit schnellen und radikalen Lösungen sei kurzfristig nicht nur in Griechenland unrealistisch. Eine dazu nötige Umorganisation einer Gesellschaft brauche Zeit und das sei im Kampf gegen staatlichen Zerfall wichtig. Die seit Jahrzehnten praktizierte neoliberale Politik habe ganze Länder zerstört, wie das Beispiel Jugoslawien in den 1990er Jahren zeige. In Griechenland laufe der Prozess der faktischen Deindustriealisierung ungebremst weiter und ein Konzept für die  Agrarpolitik sei nicht in Sicht. Vielmehr warte man nur nach Brüssel und hoffe auf Subventionen. Marvakis fragt: „In den letzten 30 Jahren sind Milliarden EU-Gelder nach Griechenland geflossen – Wo sind sie geblieben?“



Und nun muss Griechenland auch noch die Flüchtlinge unterbringen, vor deren Zuzug sich
Insel Chios: Frühling 2016
die europäischen Staaten mit Stacheldraht und Zäunen verbarrikadieren. Marvakis erinnerte daran, dass dieses Problem für Griechenland nicht neu sei. Seit über 20 Jahren würden etwa 50 000 Flüchtlinge  – größtenteils illegal – in Griechenland leben. Deshalb wunderte ihn nicht, dass bei der Evakuierung des Lagers von Idomeni, eine große Zahl von Flüchtlingen einfach verschwunden sei. Bei aller Solidarität, die viele Griechen und internationale Helfer zeigten sei aber auch klar, dass sich so mancher Hellene an den Flüchtlingen eine ‚goldene Nase’ verdient habe. Als Beispiel nannte er einen Händler, der mit dem illegalen Verkauf von zigtausenden Sandwiches bei Idomeni ein Vermögen verdient habe. Der Staat habe  weggeschaut: „Der Witz daran? Der Typ war ein ausgewiesener Rechtsradikaler!“ Auch viele Hoteliers würden mit der Vermietung ihrer Unterkünfte an Frontex-Mitarbeiter und EU-Emissäre gut verdienen.



Alles in allem eine ziemlich ernüchternder Bericht und wo bleibt das Positive? Die Fähigkeit der Griechen, angesichts eines desolaten Staates, selbstständig zu Handeln. Dazu kommt die Unterstützung durch Aktive aus dem Ausland, die vor Ort Helfen. Aber die Zeit wird knapp…



Nach der Veranstaltung hatte ich die Gelegenheit, mit Professor Marvakis ein Interview zu führen. Er ist Psychologe an der Aristoteles Universität Thessaloniki.



Wie weiter in Griechenland: Die Antwort passt auf einen Zettel - oder?
Frage: Vor einem Jahr noch setzte die europäische Linke ihre Hoffnungen auf die Syriza-Regierung. Jetzt herrscht überall eher Katzenjammer?



Marvakis: Ich weiß nicht, ob es ein allgemeiner Katzenjammer ist. Letztes Jahr hat die Linke in Europa wohl etwas romantisch nach Griechenland geblickt. Jetzt befindet man sich eben näher zur Realität. Es ist nicht so, dass alles gegen die Wand gefahren wurde, es bewegt sich durchaus etwas in Griechenland. Es bewegt sich eben nur etwas langsamer, als es manche gerne hätten.



Frage: Gut, die europäische Linke besteht also anscheinend aus Polit-Romantikern. Aber
Maulradikale - Chios Mai 2016
hat man bei Syriza nicht ebenso falsch gedacht, als man hoffte, dem Druck aus Brüssel und Berlin ernsthaft widerstehen zu können?



Marvakis: Syriza ist ja ein Teil der europäischen Linken und deshalb haben sie genauso romantisierend auf die Verhältnisse geschaut, wie die anderen Linken. Syriza unterscheidet sich da nicht von anderen Linken in Europa.



Frage: Regierungschef Tsipras scheint in Athen mittlerweile einen ähnlichen politischen Stil zu pflegen, wie seine Vorgänger. Ganz oben im Olymp sitzt der Fürst und ist unangreifbar. Droht jetzt ein Nepotismus (familiäre Günstlingswirtschaft). Wird es jetzt so, wie wir es von den Regierungen der PASOK oder Nea Demokratia kennen?



Marvakis: Ob es Nepotismus gibt, weiß ich nicht. Klar ist aber, dass Tsipras mittlerweile immer präsidialer regiert, unterstützt von einer kleinen Gruppe Getreuer. Das wird ihm sicher zum Verhängnis werden.



Frage: Bei aller Kritik an Tsipras und seiner Regierung ist aber auch Realität, dass Otto-Normalgrieche weder den Austritt aus dem Euro oder der EU und schon gar nicht die Revolution will.



Marvakis: Dass jetzt 30% der Wähler für Syriza gestimmt hat bedeutet eben nicht, dass diese Menschen innerhalb der letzten Jahre Linke geworden sind. Griechenland ist eine konservative, in vielen Bereichen sogar rückständige und rückwärtsgewandte Gesellschaft. So etwas ändert sich nicht von einem zum anderen Wahlgang.



Frage: Die Probleme der Zentralisierung auf eine Führungsfigur wie Tsipras zeigt sich anscheinend auch bei Podemos mit dem charismatischen Parteiführer Iglesias in Spanien. Eine zwangsläufige Entwicklung?



Marvakis: Spanien ist wirtschaftlich und von der Größe ein wichtiges Land der Europäischen Union. Griechenland mit seinen zehn Millionen Einwohnern und seiner Wirtschaftsstruktur spielt weder für die EU, noch für die Politik in Berlin eine ernsthafte Rolle. Die Situation bei Podemos ist nur schlecht vergleichbar mit Syriza, denn Podemos ist keine Partei mit den klassischen Strukturen einer solchen Organisation. Podemos hat sich aus der Bewegung auf der Straße entwickelt. Man muss abwarten, wie es sich dort entwickelt. Sollte Podemos vor eine ähnliche Situation gestellt werden, wie Syriza in Griechenland, würde das immerhin bedeuten, dass sich in Europa schon etwas verändert hat. Die Linke hatte ja nach dem Wahlsieg von Syriza die Hoffnung gehegt, dass sich auch in anderen Ländern Europas etwas bewegt.



Frage: Für Dich ist ja die Attacke gegen Griechenland, durch Finanzminister Schäuble in Wirklichkeit gegen Frankreich richtet. Was meinst Du damit?



Marvakis:  Schäuble verfolgt ganz bestimmte Pläne, wie sich die Euro-Zone weiterentwickeln sollte. Dabei hat Frankreich als zweitgrößte Wirtschaftsmacht in Europa einen besonderen Stellenwert. Man muss bedenken, dass die Regierung in Paris ja bisher nicht die Vorgaben der EU erfüllt hat, was Sparsamkeit und Staatsverschuldung betrifft. Was Schäuble von Griechenland fordert, die Einhaltung geschlossener Verträge und Abmachungen, hält Frankreich nicht ein – und das mit Wissen der deutschen Regierung. Berlin versucht jetzt Paris dazu zu zwingen, auch die Politik der ‚Schwarzen Null’ im französischen Haushalt umzusetzen. Es ist schließlich das Ziel der Verträge von Lissabon, dass die Staaten der Europäischen Union ausgeglichene Haushalte vorlegen. Und dieses Ziel verfolgt die Bundesregierung mit aller Kraft.



Frage: Einerseits verlassen viele, vor allem gut gebildete junge Menschen das Land auf der Suche nach Arbeit. Andererseits engagieren sich aber in Griechenland viele junge Leute in alternativen Projekten oder auch versuchen innovative Geschäftsideen umzusetzen. Ein Ausweg aus der klassischen Klüngel-Politik in Griechenland?



Marvakis: Es stimmt, dass es in Griechenland sehr viele Initiativen gibt, sonst wäre das Land in vielen Bereichen längst zusammengebrochen. Größtes Hindernis in Griechenland ist der bürokratische und irrationale Apparat. Der Staat hilft nicht, er behindert vielmehr die privaten Aktivitäten. Deshalb nenne ich es auch nicht nur Klüngelwirtschaft, es geht vielmehr um den nicht funktionierenden Staat.

Übrigens glaube ich nicht, dass so viele jüngere Leute das Land verlassen haben. Dabei habe ich nichts dagegen, denn es ist doch den jungen Leuten zu gönnen, endlich mal ein Leben mit einem sicheren Job und Einkommen führen zu können. Mittlerweile kommen schon einige desillusioniert zurück, weil sie nur Jobs im Niedriglohnbereich bekamen, mit denen sie auch im Ausland kaum ihr Leben fristen konnten.



Frage: Die Diskussion über die Wirtschaftsentwicklung in Griechenland wird seit Monaten von der Flüchtlingsdebatte überlagert. Zunehmend kommt von Gemeinden und Inseln Protest, dass die Regierung in Athen sie mit dem Problem völlig alleine lasse. Ohne die Freiwilligen Helfer vor Ort, wäre die Situation noch katastrophaler.



Flüchtlinge erreichen Chios - September 2015
Marvakis: Dass der griechische Staat ‚durch Abwesenheit glänzt’ ist ja nicht erst bei den Flüchtlingen zu sehen. Und das betrifft auch nicht nur die Regierung unter Tsipras, seine Vorgänger waren ähnlich untätig. Insofern könnte man der Regierung Tsipras vorwerfen, dass sie zu sehr eine ‚Kontinuität des griechischen Staates‘ betreibt. Die aktuelle Situation hinsichtlich der Flüchtlinge muss man auch anders sehen. Jetzt sind Regierung und Staatsapparat mehr gezwungen, etwas zu tun, sich um die Flüchtlinge zu kümmern – oder zumindest so zu tun. Klar, das geht nicht von einem Tag auf den anderen. Dass die Gemeinden vor Ort sich vom Staat alleingelassen fühlen, ist ja schon seit langem so. Man erinnere sich: Vor Jahren gab es an der türkisch-griechischen Grenze am Evros-Fluss viele Flüchtlinge, die nach Griechenland und damit in die EU wollten. Schon damals hat die Regierung in Athen die Gemeinden an der Grenze im Stich gelassen, die mussten mit ihren Mitteln versuchen, das Elend zu lindern. Deshalb ist die aktuelle Situation auf den Inseln der Ost-Ägäis (Lesbos, Chios, Kos) nicht neu. Jetzt beobachtet die Weltöffentlichkeit die Situation und das könnte den Druck auf Athen erhöhen, endlich zu handeln.



Frage: Viel Helfer aus dem Ausland, engagieren sich vor Ort für die Flüchtlinge. Die Hauptlast tragen aber immer noch die Griechen in den Gemeinden und auf den Inseln.



Marvakis: Das stimmt, aber man darf nicht unterschätzen, wie groß das Engagement der internationalen Helfer ist. Da nehmen sich Leute Urlaub und arbeiten vor Ort ein paar Wochen, danach kommen andere – das ist schon beeindruckend. Viele halten auch aus ihren Heimatländern Kontakt und engagieren sich.



Frage: Kürzlich hörte ich auf einer Insel, internationale Helfer seien in Wirklichkeit getarnte Agenten ihrer Geheimdienste. Eine der unter Griechen beliebten Verschwörungstheorien?



Marvakis: Klar, das sind natürlich Verschwörungs-Phantasien. Aber es stimmt schon, dass sich in den Transitstellen von Idomeni, Vertreter der Geheimdienste und Verfassungsschutzorgane vieler Länder die Klinke in die Hand gegeben haben. Das erklärt sich nicht nur damit, dass man verhindern will, dass etwa IS-Leute so nach Europa kommen. Die suchen sich dann halt andere Wege. Ein Grund für die Aktivitäten der Geheimdienste und Verfassungsschützer ist, dass die Staaten ihren Bewohnern demonstrieren wollen, dass sie etwas tun. Ob man in den Zelten der Flüchtlingslager dann wirklich Terroristen entdeckt – steht auf einem anderen Blatt.



Frage: Bei all den Problemen – was ist Deine positive Hoffnung für Griechenland?



Marvakis: Die Hoffnung ist, dass sich das, was sich derzeit in Griechenland positiv bewegt – und es bewegt sich was – schneller entwickelt, als die Katastrophe! 









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