Mittwoch, 22. März 2017

Dobrindt's Digitalradio 'Roadmap': Irgendwo im Nirgendwo?


Der für Verkehr und digitale Infrastruktur zuständige Bundesminister Alexander Dobrindt (CSU) hat im Februar 2017 einen "Aktionsplan für die Transformation der Hörfunkverbreitung in das digitale Zeitalter" ausarbeiten lassen. Mit dieser "Roadmap" soll ein "Rahmen" für den "Aufbau einer nachhaltigen digitalen Hörfunkinfrastruktur" vorgegeben werden. Visionäre Entwicklung - oder auf dem Weg ins Irgendwo im Nirgendwo?

UKW
Bereits im Vorwort stellt das Ministerium klar, die analoge UKW-Verbreitung bleibe "nach wie vor zentraler Eckpfeiler der Hörfunklandschaft". Allerdings biete es keine Kapazitäten für weitere Programm- und "zeitgemäße Zusatzangebote". (S.3) Gemeint sind hier vor allem interaktive Elemente, die das analoge Radio nicht bieten kann. Gleichzeitig betonen die Autoren, dass sich die Entwicklung des digitalen Radios in Deutschland an den Interessen der Hörer zu orientieren habe.

Fakt ist aber, dass sich das Engagement der privaten Radioveranstalter für die digitale Hörfunkentwicklung bei uns in Grenzen hält. Das muss auch das Papier aus Dobrindts Ministerium einräumen. So wird konstatiert, die Verbände der kommerziellen Rundfukveranstalter in Deutschland (VPRT - APR)* würden eine baldige UKW-Abschaltung nicht für sinnvoll halten. Gleichzeitig betonte die ARD für die Öffentlich-Rechtlichen, ein Ende der UKW-Verbreitung sei nur zeitgleich mit der privaten Konkurrenz möglich. Entsprechend hatte sich die unabhängige Kommission zur Ermittlung des Finanzsbedarfs der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten (KEF) geäußert, die einen Wechsel zu DAB+ nur mit einem realistischen Zeitpunkt für die Abschaltung aller UKW-Sender befürwortet. Diesen festzulegen sei aber die Aufgabe der politischen Entscheidungsträger von Bund und Ländern, betont Dobrindt's Roadmap. (S.6) Aktivitäten in Berlin oder den Ländern sind aktuell weit und breit nicht in Sicht. Bisher haben nur die Bundesländer Sachsen und Sachsen-Anhalt das Jahr 2025 als Datum für das Ende der UKW-Verbreitung beschlossen. 

DAB+
Ein Blick auf die Geschichte des digitalen Radios zeigt, dass sich seit seinem offiziellen Start im Jahr 1999 die Technik in den Haushalten bisher nicht habe durchsetzen können - konstatiert der Bericht des Ministeriums. Erst durch die Freigabe der bisher für Fernsehen genutzten VHF-Frequenzen im Jahr 2006 habe das Digitalradio mittlerweile eine "marktrelevante Attraktivität" erreichen können Woher nehmen die Ministerialbeamten aber ihre Zuversicht? Festzuhalten ist: In bundesdeutschen Haushalten stehen knapp 140 Millionen UKW-Empfänger nur 8,2 Millionen Digitalempfänger aber mittlerweile über 4,6 Millionen Online-Radios.


Wer profitiert eigentlich am stärksten vom digtialen Radio? Die Roadmap hält fest: "Die Befürworter von DAB+ betonen die (...) kostengünstige Verbreitung bei gleichzeitig geringerem Energieverbrauch." Am Beispiel Bayern heißt das: Bisher benötigte man für die Verbreitung eines analogen Radioprogramms im Freistaat 40 UKW-Sender mit 116 Kilowatt Stromverbrauch. Für digitale Verbreitung per DAB+ würden die 60 erforderlichen Sendeanlagen nur 22,4 Kilowatt verbrauchen. Laut Ministerium rechne die ARD mit einer jährlichen Kostenersparnis von 15-20% der Aufwendungen für die Verbreitung der Programme (S.6) Seit mittlerweile 18 Jahren versucht DAB bzw der Nachfolger DAB+ in den bundesdeutschen Haushalten ein Bein auf den Boden zu kriegen. Die Akzeptanz ist aberkläglich wenn man bedenkt, dass der Online-Empfang von Radioprogrammen das digitale Radio bereits überholt hat. Während immer noch die analoge UKW-Nutzung (94%) als Empfangstechnik der Haushalte dominiert, hören mittlerweile schon mehr als ein Drittel (34%) Online-Radio. Das Ministerium muss feststellen, online würden "zumeist (...) Smartphones, PCs, Laptops und Tablets" (S. 7) als Empfangsgeröte genutzt - stirbt DAB+ also den Kindbett-Tod?


Um das zu verhindern, sieht der Plan der Roadmap acht Maßnahmen vor, mit denen die Transformation vom analogen UKW- zum digitalen Hörfunk befördert werden soll.

  1. Alle neuen Radiogeräte sollen über eine Schnittstelle für digitalen Empfang
    verfügen.
  2. Von den Öffentlich-Rechtlichen nicht mehr benötigte UKW-Frequenzen sollen nicht mehr an neue oder veränderte UKW-Programme der ARD vergeben werden.
  3. Der Ausbau der digitalen Breitbandnetze soll vorangetrieben werden.
  4. Weitere Übertragungskapazitäten für eine zweite DAB+ Kette in Deutschland
  5. Förderung des internationalen technischen Standards für Verkehrs- und Reiseinformationen (TPEG)
  6. Eindeutige Methode zur Ermittlung der Ausstattung bundesdeutscher Haushalte mit digitalen Empfängern
  7. Eindeutige Messmethoden der Nutzung
  8. Politische Begleitung des Prozesses vom analogen zum digitalen Radio
Zu 1: Um die Hersteller der Radioempfänger zu verpflichten, in alle neuen Geräte eine
Online
digitale Schnittstelle einzubauen, fordert Dobrindt's Ministerium die Änderung des Telekommunikationsgesetzes. In einem Nebensatz findet sich dann aber der Hinweis:"soweit dies europarechtlich zulässig ist". (S 10). Und da liegt der Hund begraben, denn einige Zeilen später muss man einräumen: "Eine EU-weite 'Smart-Radio' Regelung ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht realisierbar". Warum? "Die Europäische Kommission hat dem Anliegen (...) nicht entsprochen". 


Bei der ARD setzt man dabei auf das 'Prinzip Hoffnung', Dr. Ulrich Liebenow, Betriebsdirektor des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) und Vorsitzender der ARD-Technikkommission antwortete am 9. März auf meine Nachfrage: "Ich glaube, dass man am Ende das Thema in beiden Bereichen - national und auf europäischer Ebene - regeln muss. Ich bin zuversichtlich, dass hier ein gangbarer Weg gefunden wird."

Zu 2: Von der ARD nicht mehr benötigte UKW-Frequenzen dürften künftig von den Öffentlich-Rechtlichen nicht genutzt werden. Dem stimmt Liebenow zu, freiwerdende Frequenzen sollten "nicht für neue Radioangebote verwendet werden". Er fügte dann aber in seiner schriftlichen Antwort hinzu, die Frequenzen dürften "durchaus genutzt werden (...), um die bestehenden Bedarfe zu komplettieren oder zu optimieren(...)."  

Mobil
Zu 6: Bei der von der Arbeitsgemeinschaft Media Analyse (AGMA)**  halbjährlich durch Telefoninterviews erhobenen Radionutzung der bundesdeutschen Haushalte (Radio Media Analyse), wird nicht erhoben, welche Empfangstechnik die Hörer nutzen. Online-Radio wird zwar technisch ermittelt (Klicks) - aber man darf nicht vergessen, dass gerade über die Manipulation solcher Erhebungen in der Werbewirtschaft heftig diskutiert wird. Man versucht deshalb bei der AGMA diese Erhebung durch eine zusätzliche Befragungen einer Stichprobe der Hörer zu ermitteln (MA IP Audio). Faktisch sieht es hier ziemlich mäßig aus und das Ministerium stellt in seiner Roadmap fest: "Die Radionutzung über DAB+ wird zurzeit noch nicht gesondert ermittelt" (S. 15) Es existieren also bisher keine harten Daten für die digitale Radionutzung.

Zu 7: Die Messung der Hörernutzung ist kostspielig und angesichts der geringen Verbreitung digitaler Radiogeräte in den Haushalten für die Radioveranstalter - öffentlich-rechtlich wie kommerziell - derzeit wohl nachrangig. Dementsprechende heißt es im Maßnahmepaket des Ministeriums: "Die Marktteilnehmer werden in Abstimmung mit der agma* eine Weiterentwicklung der Messmethode erörtern." Für 2018 soll die DAB+ Nutzung "auf Basis der weiterentwickelten Messmethode" veröffentlicht werden. Entschlossenes Handeln hört sich anders an

Abschließend stellt sich die Frage, was die 'Roadmap' bewirken kann, denn abschließend wird nüchtern konstatiert: "Wie die weitere Transformation zum digitalen Hörfunk verläuft, lässt sich nicht seriös voraussagen.(...) Hierfür sind eindeutige Entwicklungstendenzen nach wie vor nicht final erkennbar." (S. 16) Demnach könne der Maßnahmenkatalog "überwiegend nur langfristig Wirkung entfalten. Abschließende Entscheidungen über die digitale Zukunft des Hörfunks können nach heutiger Einschätzung erst in einigen Jahren verlässlich und auf der Grundlage noch zu gewinnender Erkenntnise (...) getroffen werden." 

Zuversicht klingt irgendwie anders....


* VPRT: Verband Privater Rundfunk und Telekommunikation - APR: Arbeitsgemeinschaft Privater Rundfunk
**AGMA: Arbeitsgemeinschaft Media Analyse - Zusammenschluss von Sendern und Werbung 

PS: Meine Anfrage beim VPRT zur Einschätzung der Roadmap wurde bisher nicht beantwortet - sollte sie noch kommen, wird der Text entsprechend ergänzt werden.

https://medienfresser.blogspot.de/2016/12/digitalradio-privatsender-wollen-500.html

Dienstag, 31. Januar 2017

SWR 2017: „Regional, aktuell, zukunftsweisend“ oder "Vereinsmeier" TV ?



Pressekonferenzen des SWR haben etwas von Modeschauen an sich. Hier wie dort werden die neuesten
Programm-Catwalk beim SWR
Produkte der Saison mit effektvoller Präsentation vorgestellt. Diskussionen darüber, wie gut die vorige Kreation beim Publikum angekommen oder unter welchen Bedingungen sie hergestellt worden ist, sind in der Regel dabei nicht vorgesehen. In genau kalkulierten Bühnenshows lassen die Modemacher ihre Kreationen von Models über den Laufsteg tragen - die sind attraktiv aber stumm. Ähnlich geht es bei Programmpräsentationen der TV-Sender zu, die Macher fehlen in der Regel, werden durch Programmtrailer und Moderatoren ersetzt. Dagegen nutzen die Sender-Hierarchen gerne die Szenerie zur öffentlichen Selbstdarstellung. 


 Beim Südwestrundfunk (SWR) fand die Präsentation für die Fernsehprojekte 2017 am 27.Januar im großen Fernseh-Studio der Landesschau
So sieht es bisher aus
so sieht es in Zukunft aus

im Funkhaus Stuttgart statt. Stichwort Optik: Ab Februar werden sich die Nachrichtensendungen der Landesprogramme des SWR-Fernsehens mit neuem Schriftbild präsentieren. Endlich hat man sich dabei zu einer einheitlichen optischen Gestaltung durchgerungen - zuvor hatte einen Mix aus altmodischen und modernen Schrifttypen irritiert - Unentschlossen, so der Eindruck. Das wird nun anders, aber Ärger dürfte dem SWR dabei die Verwendung des Λ im neuen Logo der Nachrichtenformate einhandeln. Da werden bestimmt einige Traditionalisten und/oder pensionierte Gymnasiallehrer gegen die Verwendung des griechischen Buchstabens Lambda im SWR-Nachrichten-Logo protestieren. Wer weiß, welchem Werbefachmann diese manieristische Spielerei eingefallen ist und wie lange sie sich auf dem Bildschirm halten wird...

Auf Nachfrage beim SWR, welche Gründe für das neue Logo ausschlaggebend waren, antwortete am 1. Februar die Pressestelle: "Insbesondere in der mobilen Darstellung muss ein Branding im Kleinsten funktionieren. Auf dieser Basis und ausgehend vom Namen "SWR Aktuell" wurde durch die Modifikation des "A"s  in Kombination mit der Markenfarbe ein eigenständiges und wiedererkennbares Branding entwickelt, welches medienübergreifend wiedererkennbar ist. "


Vereinsleben - Innovatives TV-Event?

 

Der Intendant sagt, wo's langgeht...

Für den SWR sind die beiden regionalen TV-Landesprogramme für Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg der zentrale Bestandteil des Programmauftrags."Kein romantisierendes Heimatgefühl transportieren (...) sondern die Menschen ernst nehmen" betonte SWR-Intendant Peter Boudoust vor der Presse. Aber wie wird das in Baden-Württemberg umgesetzt und wie kommt das beim Publikum an? Mit dem zuerst auf sechs Folgen angelegten "Vereinsmeier Gagstetter" will man die Zuschauer im Ländle fesseln. Immerhin, Baden-Württemberg ist mit rund 83 000 registrierten Vereinen 'Marktführer' in Deutschland. Reporter Axel Gagstetter hat sich deshalb als "Vereinsmitglied auf Zeit" betätigt, etwa bei der Freiwilligen Feuerwehr, in einer Voltigiergruppe, im Mittelalter-Traditionsverein, in einer Dorf-Blaskappelle oder einem Fahrzeugmuseum. 

Lustiger Trailer, aber ein leicht fader Nachgeschmack bleibt. Da wird wieder einmal ein Bild des Landes geboten, das der Realität nur zum Teil entspricht. In den sechs Folgen wird das Vereinsleben der Kleinstädte präsentiert. Die soziale Organisation in großen Städten wie Stuttgart, Karlsruhe oder Mannheim wird nicht beleuchtet. Ebensowenig spielen die Einwohner mit Migrationshintergrund und ihre Vereine - immerhin ein Viertel der Bevölkerung zwischen Bodensee und Main - in diesem Projekt eine Rolle. Der SWR pflegt lieber immer noch das Klischee der Spätzle- und Schupfnudelkultur, dabei kommt in Baden-Württemberg heutzutage internationale Vielfalt auf jeden Tisch. Aber eigentlich wundert es nicht, denn im SWR-Programm sieht man auf dem Bildschirm ja auch keine Moderatoren oder Nachrichtensprecherinnen mit Migrationshintergrund.



Landesfernsehen für Baden-Württemberg interessiert zu wenige Zuschauer


Nachgefragt...

Wie wird eigentlich das TV-Angebot der Landesprogramme vom Publikum genutzt? Das darüber auf der Präsentation gesprochen wurde, lag an einem Zufall. Ich saß auf einem Platz, der eigentlich einem SWR-Hierarchen vorbehalten war und dort lag eine Programmstatistik, die nicht für die Presse vorgesehen war. Ein kurzer Blick zeigte mir, dass 2016 das SWR-Fernsehangebot für die Länder (18-20 Uhr) zwar im Saarland und in Rheinland-Pfalz gut angenommen wurde: Marktanteil 16 - 17 Prozent. In Baden-Württemberg erreichte das Landesprogramm aber nur etwas mehr als 12 Prozent der Zuschauer. Auch mit der Altersstruktur kann man beim SWR-Fernsehen insgesamt nicht zufrieden sein. Nur bei den über 65-Jährigen kommt das Programm auf einen Zuschauermarktanteil von über 13 Prozent  bei den Jüngeren werden gerade einmal zwischen einem und maximal zwei Prozent Marktanteil erreicht. Da besänftigt die Erkenntnis wenig, dass sich alle Dritten Fernsehprogramme der ARD bei Jüngeren schwer tun.

Noch ein wenig Programmfarbe...

„Das gefällt uns natürlich auch nicht“, sagte dazu Situation Baden-Württemberg Landessenderdirektorin Stefanie Schneider. Sie verortet den Hauptgrund für die schlechteren Marktanteile im Ländle im hier besonders beliebten Quiz „Gefragt- Gejagt“ der gleichzeitig im Ersten laufe (18.15-18.45 Uhr). Er koste die SWR Sendungen: „Mensch Leute“, „Natürlich“ oder „Made in Südwest“ Zuschauer. Diese Formate kämen bei Schwaben und Badenern schlechter an, als in Rheinland-Pfalz oder im Saarland, räumte Frau Schneider ein. Darauf jetzt aber mit einer eigenen Quiz-Sendung zu kontern, ist für sie keine Lösung, man wolle vielmehr weiterhin dem Landesbezug treu bleiben:Es geht uns eben nicht nur um die Quote“. Ein Spitzenplatz unter den ARD-Dritten? „Das ist nicht unser zentrales Ziel“, setzte sie noch eins drauf und Peter Boudgoust betonte seinerseits: „Quotenoptimierung ist kein absolutes Ziel“. 


The same procedure as last year? Zumindest für das Landesprogramm Baden-Württemberg im SWR-Fernsehen ist das zu befürchten. Anscheinend stellt man sich nicht die Frage, ob es nicht gerade die oft altbackenen Inhalte und die fröhlich verkrampften Moderatoren der Akzeptanz schaden. Der SWR muss hier mehr wagen und sich Gedanken darüber machen, ob er nicht immer noch ein Bild Baden-Württemberg präsentiert, das der Realität immer weniger entspricht.

https://medienfresser.blogspot.de/2016/02/swr-weiter-auf-der-erfolgsspur.html 
https://medienfresser.blogspot.de/2015/01/sind-swr-landesschau-gucker.html