Donnerstag, 1. September 2016

ARD Thementag Digitalradio - PR-Veranstaltung - kein Journalismus


Selbstlob ist doch immer das schönste Lob - vor allem, weil es ohne Kritik auskommt. Da veranstaltet die ARD am 29. August 2016 den "Thementag Digitalradio". Wer umfassende Information erwartete, wurde enttäuscht. Es ging nur darum, für die Digitalradiotechnik DAB+ zu trommeln. In den 60 ARD-Radioprogrammen und im Fernsehen wurde an diesem Tag die PR-Keule für DAB+ geschwungen. Dafür habe man "Verantwortliche aus Politik, Medien sowie der Automobilindustrie zu Wort kommen" lassen, teilte einen Tag später die ARD-Pressestelle dazu mit. Die ARD-Vorsitzende und Intendantin des Mitteldeutschen Rundfunks, Karola Wille, formulierte das Ziel der Aktion: "Die Eindeutige Botschaft des Digitalradiotags war: Die Zukunft des Radios ist digital - und DAB+ bedeutet mehr Radio." Kritik - Interessen - Akzeptanz? Kein Thema!

Die Rheinland-Pfälzische SPD-Ministerpräsidentin Malu Dreyer forderte, alle Gerätehersteller müssten verpflichtet werden, ihre Radiogeräte auch für den DAB+Empfang auszurüsten. Damit fand sie natürlich das volle Lob des Vorsitzenden der Direktorenkonferenz der  Landesmedienanstalten (DLM), Siegfried Schneider. Deutlich vorsichtig äußerte er sich in einer Pressemitteilung der DLM über die immer wieder geforderte Zwangsabschaltung der analogen UKW-Verbreitung durch einen politischen Beschluss. 

Herr Schneider als Präsident der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien (BLM) ist für das Wohlergehen der Kommerzradios im Freistaat zuständig. Und die sind nämlich - nicht nur in Bayern - kaum erpicht auf Konkurrenz durch zusätzliche DAB+ Programme. Das kostet Hörer und damit vor allem Werbeeinnahmen. Und an den immensen Kosten für DAB+ wollen sie sich schon gar nicht beteiligen. Die für die Festsetzung der Rundfunkgebühren verantwortliche Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF), rechnet für einen Umstieg von UKW auf DAB+ bis 2025 mit Kosten von 585 Millionen Euro. Bezahlen sollen das die Haushalte mit ihrer Rundfunkabgabe, dabei zeigen sie bisher kaum Interesse am digitalen DAB+Radio. In bundesdeutschen Haushalten stehen gerade einmal 6,4 Millionen Digitalradios - aber 144 Millionen UKW-Empfänger. Und die Nutzung der Programmvielfalt? Die täglich vom Durchschnittshörer eingeschalteten Programme lassen sich an einer Hand abzählen. Eigentlich gibt es nur einen Profiteur - die Rundfunkanstalten selber. Sie hoffen, mit der neuen Technik die Kosten für die UKW-Sender deutlich senken zu können.

Damit verfolgt auch die ARD ziemlich eigennützige Interesse beim digitalen Radio. Aber das Thema wurde beim "Thementag Digitalradio" kaum behandelt. So wurde beim Kulturradio SWR-2 in einem Interview über die internationale Begeisterung für DAB+ schwadroniert. Im hochgelobten DAB+ Land Großbritannien wurde der Abschalttermin für UKW mittlerweile auf 'Unbekannt' verschoben - die erforderliche Nutzungszeit für DAB+ von 50% konnte bisher nicht erreicht werden. In Schweden und den Niederlanden wurde die Abschaltung von UKW sogar aufgegeben.

Es ist schon mehr als bedenklich, wenn eine der Information verpflichtete Institution wie der ARD, ihr Programm zur Propaganda benutzt. Hätte man die Beiträge mit einem Jingle als Werbung gekennzeichnet, wäre das OK gewesen. Dieser "Thementag Digitalradio" widerprach für mich jedenfalls journalistischen Prinzipien. 

https://medienfresser.blogspot.de/2016/07/digitalradio-wird-dab-vom-internet.html 

Sonntag, 21. August 2016

2016: St.Pauli beim VfB - As time goes by...


Frustrierte 11 mit Ewald
Wie die Zeit vergeht - 8. August 2016. Bei meinen jährlichen Besuchen der Auftritte des FC.St.Pauli in Baden-Württemberg spüre ich das. Nicht nur, das Ewald gerade mal ein Jahr älter ist als ich, auch das Publikum hat sich gewandelt. Dabei war es doch gar nicht so lange her, dass ich am Millerntor die alten Knaben der 'Vor-Hafenstraße-Ära' belächelte. Und nun ist man selbst ein Silberrücken, den das junge Volk irritiert.

Aber: Im Vergleich mit den Durchschnitts-VfB-Fans fallen die St Paulianer immer noch auf, manche verströmen immer noch den etwas heruntergekommenen Charme von: "Wir sind Zecken, asoziale Zecken, wie schlafen unter Brücken, oder in der Bahnhofsmission!" Und da sind wir auch bei dem, was mir auffällt und nicht unbedingt gefällt.

http://1913familienalbum.blogspot.de/2016/08/2016-fc-stpauli-vfb-as-time-goes-by.html 

Dienstag, 16. August 2016

Erster Weltkrieg - Leben unter deutscher Besatzung - Teil II: Panik und Chaos



Anfang 1919 besetzten Truppen der siegreichen Entente die linksrheinischen Gebiete des
Deutsches Propaganda-Plakat 1919 (Bundesarchiv)
Deutschen Reiches. Die fremde Besatzung blieb vielen Einwohnern als Zeit der Fremdbestimmung, Unterdrückung und Ausbeutung in Erinnerung. Im Jahr 2009 zeigte der Westdeutsche Rundfunk (WDR) die TV-Dokumentation "Der Feind am Rhein". Dort  berichteten Zeitzeugen über ihre Erlebnisse (youtube). Ein beeindruckendes Filmdokument zeigt eine französische Militäreinheit, die durch die Straße einer deutschen Stadt marschiert. Am Rand stehen deutsche Zivilisten, darunter viele Männer mit einer Kopfbedeckung. Sie verfolgen die Parade und auf einmal läuft ein französischer Soldat zu einem Mann und schlägt ihm den Hut vom Kopf - er hatte ihn nicht abgenommen. Ein Dokument der öffentlichen Demütigung.



Was war aber während der vierjährigen Besetzung Belgiens und Nordfrankreichs durch die deutsche Armee geschehen? Einhundert Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges beschäftigen sich deutsche Historiker und Autoren mit dem Thema nur am Rande. Lange habe ich nach deutschsprachiger Literatur über die Besatzung gesucht - ohne Erfolg. Dann stieß ich auf das Buch "The long silence - Te tragedy of occupied France in World War I" der britischen Autorin Helen McPhail. Erstmals 1999 in Großbritannien veröffentlicht, schildert die Autorin anhand von Tagebüchern und Dokumenten, wie die Besatzungszeit von der Zivilbevölkerung erlebt wurde. (1) Bezeichnenderweise hat sich bis heute bei uns kein Verlag für eine deutsche Ausgabe gefunden. Ein deutscher Historiker, den ich anlässlich seines Vortrags im Stuttgarter Staatsarchiv 2015 auf das Buch ansprach urteilte herablassend: "ziemlich oberflächlich". 

Gewalt und Schrecken


Die Zivilbevölkerung erlebte während der deutschen Besatzung weitaus Schlimmeres, als die Deutschen im Rheinland nach Kriegsende erdulden mussten. 1914-1918 lebten 2,5 Millionen Menschen in Nordfrankreich, sowie 6 Millionen Belgier unter deutscher Besatzung. Schon damals zeigte sich, das viele Deutsche die Belgier und Franzosen als 'Minderwertig' ansahen, dem der überlegene deutsche  'Herrenmensch' gegenüberstand. Selbstüberschätzung und Hybris* prägten das Selbstbild der deutschen Eliten und großer Teile der Bevölkerung bereits im Kaiserreich und sie waren ein Grund für die militärische wie politische Niederlage im Ersten Weltkrieg.


Die Gewaltexzesse der deutschen Soldaten beim Einmarsch in Belgien und in Nordfrankreich in den ersten Kriegsmonaten hatte mehrere Ursachen. Der sogenannten 'Schlieffen-Plan', der die Umzingelung der französischen Armee vorsah, war von Anfang an unrealistisch. "Der Schlieffen-Plan sah eine Wehr des Gegners nicht vor" sagt Gerd Krumeich, emeritierter Professor für Geschichte an der Universität Düsseldorf. (2) Die unerwartet heftige Gegenwehr der Belgier und der Franzosen, die großen deutschen Verluste schon in den ersten Tagen des Krieges, dies enthemmte die deutschen Soldaten wie auch ihre Offiziere. Die kriegsunerfahrenen Soldaten, durch Gewaltmärsche ausgelaugt, gerieten oft in Panik und beschossen sich gegenseitig. Dies wurde später als Partisanenangriff verschleiert, wie im Fall der zerstörten belgischen Stadt Löwen. Dazu kam die Furcht vor den Freischärlern, dem Mythos des 'Franktireurs' des 1870er Krieges gegen Frankreich. Damals hatte es in von Deutschen besetzten Gebieten immer wieder Aktionen gegen die Soldaten gegeben. Die Folge war, das zwischen August und Oktober 1914 über 6500 Zivilisten - Männer, Frauen und Kinder - von deutschen Soldaten in Belgien und Nordfrankreich ermordet wurden. (3) Auch nach dem Krieg fand sich in deutschen Antikriegs-Romanen das Bild des hinterhältigen belgischen Zivilisten. (4)

Meine französische Großmutter erlebte den Einmarsch und die Besatzung am eigenen Leib - und sie erzählte uns, wie sie als junges Mädchen den Krieg erlebt hatte. Auch wenn ihre Geschichten nicht immer historisch genau waren, so konnten wir erahnen, wie ihr Alltag unter deutscher Besatzung ausgesehen hatte. Flore Gaspard (später Aubry) wurde 1900 im Dorf St.Benin, im Departement Nord, nur wenige Kilometer von der nordfranzösischen Kleinstadt Le Cateau, geboren. Auf dem Dachboden ihres Häuschens fanden wir noch alte Uniformknöpfe der Bayerischen Armee, die als Besatzer hier einquartiert waren. Mit gerade 14 Jahren war das Arbeiterkind Flore vom Krieg in ihrem Dorf überrascht worden

Zivilbevölkerung auf der Flucht (Bundesarchiv)
Im August 1914 herrschte in Nordfrankreich ein unvorstellbares Chaos. Nach den verlustreichen Grenzschlachten fluteten die geschlagenen französischen Soldaten nach Süden, verfolgt von einer Million deutscher Soldaten der Ersten und Zweiten Armee. Mit den französischen. belgischen und britischen Soldaten verstopften die Flüchtlingstrecks der Zivilisten die Straßen. Sie versuchten mit Pferdewagen oder zu Fuß und schwer bepackt, den Deutschen zu entkommen. Die Älteren erinnerten sich noch mit Schrecken an die deutsche Besatzung im Krieg von 1870/71

In der zweiten Augusthälfte erreichte der Krieg auch St.Benin. In dem Dorf lebten etwa 800 Menschen, zumeist Bauern, Landarbeiter und Fabrikarbeiter. Nachdem das Britische Expeditionskorps (BEF) die Deutschen im belgischen Mons nicht hatte aufhalten konnte, zog es sich wieder in Richtung Süden zurück. Mit ihnen flohen auch viele belgische Zivilisten, so erschien in Le Cateau ein belgischer Bankier, der den Goldschatz seines Instituts mit sich führte. Er ließ Geldscheine im Wert von 8 Millionen belgischer Francs verbrennen und übergab sein Gold an einen französischen Armeezahlmeister. (5)

Am 26. August 1914 stellte sich zwischen Le Cateau und Cambrai das Britische Expeditionskorps erneut zum Kampf, um damit den deutschen Vormarsch aufzuhalten. Meine Großmutter erlebte die Schlacht direkt vor ihrer Haustür. http://1913familienalbum.blogspot.de/2014/08/le-cateau-1914-der-krieg-kommt-zu.html Noch heute findet man überall in der Region verstreut kleine britische
Franzosen werden durchsucht... (Bundesarchiv)
Soldatenfriedhöfe. Das Britische Expeditionskorps konnte General von Klucks 1. Armee nur kurze Zeit aufhalten. Deshalb zog sich die BEF am Abend weiter nach Süden - Richtung Guise zurück. Die Rückzüge der Alliierten Truppen erfolgte in großer Hast. Deshalb waren viele kriegsfähige Männer aus der Region noch nicht zur französischen Armee eingezogen worden. Dazu gehörte mein Urgroßvater Paul Gaspard. Der damals 40-Jährige wollte sich der Gefangennahme durch die Deutschen entziehen.  Er hatte früher als Kolonialsoldat der französischens Armee gedient und verstand etwas Deutsch. So verkleidete sich Paul als Landarbeiter und machte sich, mit einer Hacke 'bewaffnet', auf den Weg nach Süden.
Veteranen Ausweis Paul Gaspard
Eine Nacht verbrachte er versteckt in einem stillgelegten Hochofen, am nächsten Tag aber lief er einer deutschen Patrouille in den Weg. Er gab spielte den Soldaten den etwas naiven und 'geistig minderbemittelten' Landarbeiter vor, der auf dem Weg aufs Feld war. Die Offiziere diskutierten, was er  verstand, dann ließ man ihn laufen. Später erreichte er die französischen Linien und kämpfte bis Kriegsende in der französischen Armee.Flore und ihre Mutter blieben alleine zurück in St.Benin. (6)


Beim Rückzug der BEF-Truppen wurden auch viele britische Soldaten versprengt. Sie versteckten sich in Bauernhöfen und Wäldern der Region und versuchten, mit Hilfe der französischen Zivilbevölkerung, in die neutralen Niederlande zu entkommen. Manche blieben auch in den Dörfern, dabei drohten die deutschen Besatzer ihnen und ihren Helfern mit standrechtlicher Erschießung. Bekannt ist die Geschichte des britischen Schützen Robert Digby, der sich 18 Monate lang im Dorf Villeret bei Peronne verstecken konnte. Er verliebte sich in ein Mädchen des Dorfes, die von ihm ein Kind bekam. Im Mai 1916 wurde er aber verraten - man weiß nicht genau durch wen - und verhaftet. Wenige Wochen danach wurde er als Spion verurteilt und erschossen. (7) Während der deutschen Besatzung wurden insgesamt 300 Todesurteile in den besetzten Gebieten vollstreckt, darunter befanden sich 11 Frauen. (8)

* Hochmut, Überheblichkeit, Vermessenheit - Duden

(1) Helen McPhail, The long silence - The tragedy of occupied France in World War I, Ibtauris publishers London-New York, 1999, Neuauflage 2001. 

(2) Analyse von Professor Gerd Krumeich auf youtube: https://www.youtube.com/watch?v=9OW6RPYnpyo
(3) John Horne, Alan Kramer, Deutsche Kriegsgreuel 1914 - die Umstrittene Wahrheit, Hamburger Edition 2004.  
(4) Ludwig Renn, Krieg, 4. Auflage 1929, Fankfurter Societäts-Druckerei/Verlag

(5) McPhail a.a.O. S. 22
(6) Erzählung Flore Aubry 
(7) Ben McIntyre, Ein Dorf in der Picardie, Blessing Verlag 2003
(8) Larissa Wegener: Occupation during the War (Belgium and France), International Encyclopedia of the First World War (englisches Summary ihrer Doktorarbeit an der Universität Freiburg), Juni 2016 

Freitag, 5. August 2016

Erster Weltkrieg - Leben unter deutscher Besatzung - Teil I




Der Erste Weltkrieg, die Urkatastrophe Europas im 20. Jahrhundert, ist bei uns ein Medienthema, wenn es um große Schlachten geht: Marne, Ypern, Verdun, Somme, Chemin des Dames. Das zwischen 1914 – 1918 etwa 6 Millionen Belgier und rund 2,5 Millionen Franzosen unter deutscher Besatzung leben mussten, erhält bei uns dagegen kaum mediale Aufmerksamkeit. (1) Auch in der Flut der Buchveröffentlichungen zum Ersten Weltkrieg, sucht man das Thema – zumindest im deutschsprachigen Raum – vergebens.

Zwischen 1914 – 1918 hatte die Armee des Kaisers etwa 3,7% des französischen
Deutsche Parade in Lille - Quelle: Bundesarchiv
Staatsgebietes (1914) besetzt und sie bestimmten den Alltag von 6,3 % aller Franzosen, die dort lebten. Die besetzten Regionen Nordfrankreichs gehörten zu den großen Industriestandorten des Landes. So lebten im nahe der belgischen Grenze gelegenen Lille damals rund eine halbe Million Menschen. Die Stadt gehörte zu den größten Frankreichs. Lille im französischen Flandern war ein wichtiger Standort der Textilindustrie, mehr als 43 000 Menschen arbeiteten hier, produzierten 90% der französischen Textilien und 17% des Weltbedarfs. Ein Sechstel der französischen Industrie befand sich in den nun besetzten Gebieten Nordfrankreichs.

Betrachtet man die Praxis der deutschen Besatzungspolitik 1914-1918, zeigten sich ‚Vorstufen’ dessen, was der Rassen- und Vernichtungskrieg des NS-Reiches 1939-1945 bringen sollte. „In der deutschen Herrschaft während des Ersten Weltkrieges klangen Aspekte der ‚Bevölkerungspolitik’ der Nationalsozialisten an…“, schreibt etwa der britische Historiker Roger Chickering. (2)  Sein Kollege Jörg Leonhard konstatiert: „Die von deutschen Truppen besetzten Teile Nordfrankreichs erlebten seit Sommer 1914 eine Praxis der administrativen, kulturellen und ökonomischen Germanisierung.“ (3)

Das Gefühl deutscher Überlegenheit über die minderwertigen Franzosen und Belgier spielte eine nicht unwichtige Rolle im Umgang mit der Zivilbevölkerung der besetzten Gebiete. Diese Hybris existierte bereits vor Kriegsausbruch, so meinte 1913 der junge Albert Schweitzer: "Frankreich ist ein verdorbenes Volk, das Deutschland nicht wiederstehen kann". Nach Kriegsbeginn erklärte die Rheinisch-Westfälische Zeitung ihren Lesern über die Franzosen: "Das Übel ist in dieser Rasse. Es ist ein sterbendes Volk." (4)

Die Kriegssituation verschärfte diese Vorurteile, so nannte man 1916 in Berlin die 10 000  zur Zwangsarbeit deportierten Arbeiter nur „belgische Faulenzer“. Im März desselben Jahres verfrachtete man junge Mädchen und Frauen aus Lille zwangsweise nach Deutschland. Damit sollten die Einwohner gefügig gemacht und die Stadt von „unnötigen Mäulern“ sowie „Unruhestiftern und Panikmachern“ gesäubert werden. (5) In den deutschen Frontzeitungen wurde zum "Rassenkampf" des deutschen „Herrenvolk“
Der 'Herrenmensch' bedient sich selbst - Quelle Bundesarchiv
aufgefordert. Der NS-Übermensch hatte seine Vorfahren im Kaiserreich, so konnte man in einer Feldzeitung lesen: „(…) wenn ein Volk die Weltherrschaft, nach der wir nicht streben, beschieden sein sollte, so kann es nur das Deutsche sein“. (6) Die Hybris von der rassischen Überlegenheit der ‚Germanen’ findet sich bereits 1915 in der „Champagne-Kriegszeitung“. Nordfranzosen seien demnach „infolge germanischer Einwanderung“ an ihrem „germanischem Äußeren“ erkennbar, während Südfranzosen klein, dunkelhäutig und verschlagen seien. Damit war der 'richtige Umgang' mit der Zivilbevölkerung vorgegeben: „Sie sollten deutsch reden, die Unterlegenen, wenn sie mit ihren Bezwingern sprechen dürfen“, fordert 1917 die in Lille produzierte 'Kriegszeitung'. Selbstzweifel waren dem 'Herrenmenschen' fremd, so ruft 1915 der in Münster lehrende Professor Johann Plenge den Kämpfern zu: „Wir sind ein vorbildliches Volk. Unsere Ideen werden die Lebensziele der Menschheit bestimmen.“ (7)    

Paul v. Hindenburg und Erich Ludendorff Quelle Bundesarchiv
Historiker sind sich heute darüber einig, dass die Herrschenden im Kaiserreich bei Kriegsbeginn keine einheitlichen Kriegsziele verfolgten. Entsprechend unterschiedlich war zuerst der Umgang mit der Zivilbevölkerung in den eroberten Gebieten Belgiens und Nordfrankreichs: „Das Hauptanliegen bestand in der Nutzbarmachung der wirtschaftlichen Ressourcen der besetzten Länder.“ (8) Es ging darum, die Fronttruppen und die Besatzungsarmee aus den besetzten Gebieten zu versorgen. Aus diesem Grund blieb die französische Zivilverwaltung im Amt, sie musste die Befehle der deutschen Kommandanten ausführen. (9) In Belgien versuchte man den alten Konflikt zwischen dem flämischen und wallonischen Bevölkerungsteil anzuheizen. Aber die Praxis der immer massiveren wirtschaftlichen Ausbeutung verhinderte den Erfolg dieser Politik. Mit dem Antritt der 3. Obersten Heeresleitung (OHL) Ende August 1916, begann unter Hindenburg und Ludendorff die totale Kriegsführung. Bewohner Belgiens und Nordfrankreichs wurden zur Zwangsarbeit herangezogen, viele davon nach Deutschland deportiert. Alleine aus Belgien wurden zwischen 60 000 und 100 000 Menschen zur Arbeit für die Besatzer verpflichtet (10) Außerdem versuchte man ‚unnütze Esser’ loszuwerden, also Kinder, Alte, Kranke und viele Frauen. So wurden etwa 200 000 Bewohner Nordfrankreichs über die neutralen Niederlande oder die Schweiz in das unbesetzte Frankreich abgeschoben. (11)

Ruiniertes Land Quelle: Bundesarchiv
Die massive Ausbeutung der besetzten Gebiete, vor allem ihrer Nahrungsressourcen, bedeutete für die Zivilbevölkerung Hunger, Krankheiten und oft den Tod. Ohne die Unterstützung durch Stiftungen neutraler Staaten, hätte die Besatzung Belgiens und Nordfrankreichs noch mehr Opfer unter der Zivilbevölkerung gefordert. Sie versorgten regelmäßig 6 Millionen Menschen mit dem Lebensnotwendigsten - aber der Hunger blieb. Beim Rückzug der deutschen Truppen 1918 wurde systematisch die Infrastruktur in der Region zerstört. Außerdem wurden viele Bewohner gezwungen, den abziehenden deutschen Truppen zu folgen. Manche kamen erst nach langer Zeit zurück, viele nie wieder. Wer nach dem Waffenstillstand und der Befreiung in seine Heimat zurückkehrte, fand dort zerstörte Bauernhöfe, Dörfer und Städte sowie systematisch unbrauchbar gemachte Verkehrs- und Kommunikationswege vor. Über 850 000 Gebäude waren zerstört, 62 000 km² Land waren verwüstet. Die sozialen Verhältnisse hatten sich geändert, was sich aber schwer beziffern lässt. Die Besatzungsherrschaft hatte die Menschen in einen von ihren 'Herrschern' abhängigen Zustand gebracht, der dem im Mittelalter ähnelte. Einst wohlbehütete Kinder und Jugendliche waren zur Zwangsarbeit verschleppt oder durch den Kampf ums Überleben zu früh Erwachsen geworden. Frauen hatten sich prostituieren müssen, um sich und ihre Kinder durchzurbringen - manche hatten sich auch in einen deutschen Soldaten verliebt. Viele Männer hatten durch die Zwangsarbeit ihre Gesundheit verloren und fanden nie ins normale Leben zurück. Der Sieg Frankreichs über Deutschland bieb deshalb für viele der einst Besetzten nur ein schaler Triumph.

Zweiter Teil: Panik und chaotische Zustände in den ersten Kriegsmonaten.

(1) Jörg Leonhard, Die Büchse der Pandora, Beck, 2014, S. 282
(2) Roger Chickering, Das Deutsche Reich und der Erste Weltkrieg, Beck 2002, S. 102 ff
(3) Siehe Anmerkung 1
(4) Ignaz Miller, Mit vollem Risiko in den Krieg, Verlag Neue Zürcher Zeitung, 2014, S. 84 ff
(5) Jean Jacques Becker/Gerd Krumeich, Der große Krieg, Klartext Verlag, 2010, S. 86 ff
(6) Anne Lipp, Meinungslenkung im Krieg, Kriegserfahrung deutscher Soldaten und ihre Deutung 1914-1918, V&R Verlag 2003, S. 190
(7) Oliver Janz, Der große Krieg, Campus-Verlag 2013, S. 211 
(8) siehe Anmerkung 2
(9) Larissa Wegener, Occupation during the war (Belgium and France), International Encyclopedia of the first world war, online 1914-1918.
(10) Leonhard, a.a.O S. 284 und Chickering ebenda, S. 105.
(11) Helen McPhail, "The long silence", 2001 Taschenbuchausgabe I.B. Tauris Verlag, London-New York, S. 184 ff

Mittwoch, 27. Juli 2016

Radio 2016: Mehr Hörer – Werbewellen verlieren die Kids








Zweimal im Jahr veröffentlichen die Radiosender die Ergebnisse der halbjährlichen Hörerbefragung (Radio Media Analyse).* Die kürzlich veröffentlichten Zahlen (Radio MA 2016 II) belegen die Attraktivität des Mediums: von 72,5 Millionen Einwohnern (ab 10 Jahre) schalten täglich mehr als 55,5 Millionen ein Radioprogramm ein. Das sind fast eine Million mehr (+1.8%), als in der MA davor. Dabei entscheiden sich rund 40 Millionen Hörer für ein öffentlich-rechtliches Programm, während 30 Millionen private Sender wählen (Mehrfachnennung möglich). Die Werbewellen der ARD und der Privaten erreichen täglich über 50 Millionen Hörer (+7,5%).



Vergleicht man die aktuellen Zahlen mit der Radio MA vom März 2014, dürften allerdings die privaten Radiomanager ins Grübeln geraten. Während 2016 die ARD-Wellen mit rund 40 Millionen Hörern relativ konstant geblieben sind, sank die tägliche Reichweite der Privaten von 32 Millionen auf jetzt etwas mehr als 30 Millionen Hörern. Das Ergebnis dürfte nur zum Teil durch die veränderte Erhebungsmethode oder den Bevölkerungsrückgang (-800 000) beeinflusst worden sein. Sonst hätte es die ARD-Programme genauso treffen müssen, wie die die Privaten.



Werbewellen schwächeln weiter



Kopfzerbrechen dürften den Radiomanagern die Entwicklung der Hörerzahl ihrer Werbewellen bereiten. Hier gilt die Zahl der Hörer pro Werbestunde (Montag-Freitag 6-18 Uhr) als Maßstab und nicht die Tagesreichweite. Damit werden schließlich die Werbezeiten der Sender vermarktet. Am wichtigsten ist dabei die Zahl der erreichten Hörer zwischen 14- und 49-Jahren. Von den 35,7 Millionen Einwohnern in dieser Altersgruppe, schalten stündlich 11,1 Millionen ein Werberadio ein. Dabei bevorzugen derzeit etwa 4,7 Millionen ein ARD-Programm, während die Privaten mit 6,5.Millionen deutlich davor rangieren . Allerdings haben die Privaten innerhalb eines Jahres hier deutlich Federn gelassen (-200 000 Hörer) , die ARD-Werbewellen dagegen weniger (-43 000).



Vergleicht man die aktuellen Ergebnisse mit der MA vom Frühjahr 2014, erreichen die Werbewellen aktuell 1,5 Millionen weniger Hörer pro Werbestunde. Damals waren es noch 12,6 Millionen Hörer in der wichtigen Zielgruppe gewesen. Sicherlich hat dabei der Bevölkerungsrückgang bei den 14-49-Jährigen (37,4 Millionen - 35,7 Millionen) einen Einfluss gehabt (aktueller Flüchtlingszuwachs nicht eingerechnet).



Schmerzlicher dürfte für die Radiomanager sein, dass weiterhin gerade die jüngsten Hörer (10-19 Jahre) den Werbewellen den Rücken kehren. Hörten 2014 noch 1,6 Millionen Kinder und Jugendliche pro Stunde ein Werbeprogramm, sind es jetzt noch 1,43 Millionen (-10,6%**). Dies dürfte nicht alleine der demographischen Entwicklung geschuldet sein. Zwischen 2014 und 2016 ist diese Altersgruppe nur um (-2,7%**) - 7,9 Millionen auf 7.69  Millionen - kleiner geworden. Wichtiger dürfte die Konkurrenz der digitalen Medien, also der Musikstreamings und des Onlineradios per Smartphone sein. Sie ziehen junge Hörer vom Radio ab und niemand weiß, ob sie später wieder zurückkehren werden. 



* Zahlen: ARD-Werbung und Radio Marketing Service GmbH RMS

** Eigene Berechnung






Dienstag, 12. Juli 2016

Digitalradio - Wird DAB+ vom Internet verdrängt?


Vollmundig kündigen die Landesmedienanstalten (DLM) in ihrem aktuellen Jahrbuch an: "dem digitalen Hörfunk nach Jahren des Schattendaseins endlich auf die Beine zu helfen". (s.17) Fragt sich nur, ob man damit nicht einem Leichnahm das Laufen beibringen will. Am 17.April 2016 veröffentlichte die Frankfurter Allgemeine Zeitung einen Artikel des SPD-Medienpolitikers Marc Jan Eumann und des Chefs der Düsseldorfer Landesanstalt für Medien (LfM), Jürgen Brautmeier. Sie warnten davor, den DAB+ Radiostandard auf Biegen und Brechen einzuführen: "Entscheidend für den Erfolg oder Misserfolg ist, was die Bürger wollen - und nicht was die Techniker oder die Politik wollen". Für sie ist der Bedarf "gegenwartig völlig unklar." Sie warnen davor, UKW per Dekret durch DAB+ zu ersetzen, das lasse sich nicht verordnen. Eumann und Brautmeier halten es für einen "Irrweg", dafür weitere Mittel aus der Rundfunkabgabe der Öffentlich-Rechtlichen Anstalten oder gar Steuermittel auszugeben. Seit 2011 seien so rund 100 Millionen Euro in DAB+ investiert worden und für 2017-2020 sind weitere 90 Millionen Euro eingeplant. Die für die Finanzierung der Öffentlich-Rechtlichen Sender zuständige Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) habe ausgerechnet, dass DAB+ Gesamtkosten von 585 Millionen Euro verursachen werde, um bis 2025 das Ende der UKW-Verbreitung durchsetzten zu können. Für Eumann und Brautmeier ist die Alternative klar: "DAB+ ist zwar digital, aber das Internet kann viel mehr."

DAB+ ein Flop wie einst der TV-Sat?


Wer erinnert sich noch an den Flop mit dem TV-Sat ? Zwischen 1987 und 1989 wurden zwei Satelliten der damaligen Bundespost per Ariane-Rakete in eine Umlaufbahn geschossen. Über sie sollten jeweils vier TV-Programme und ein digitales Radiopaket (DSR) ausgestrahlt werden. Satellit Nummer Eins ging, kaum im All, wegen technischer Probleme gar nicht erst auf Sendung und gondelt als Satellitenschrott umher. Nummer Zwei war ebenso ein Flop, wie auch der Nachfolger Kopernikus scheiterte mit seinen drei Satelliten. Sie alle wurden vom kostengünstigeren ASTRA Satellitensystem, das deutlich mehr Programme transportieren konnte, vom Markt verdrängt

Jetzt wird beim Digitalradio DAB+ deutlich, dass ein ähnliches Desaster droht. Woher nehmen dann die Medienanstalten die Zuversicht, dass DAB+ doch noch eine Erfolgsgeschichte wird? Bereits im März 2005 hatte eine Studie im Auftrag der Thüringer Landesmedieanstalt (TLM) gewarnt: „Es wird eher unwahrscheinlicher, dass um DAB ein funktionierender Markt entsteht und dass UKW durch DAB abgelöst werden wird.“ Daran hat der 2011 erfolgte Wechsel von DAB zum technischen Standard DAB+ nichts geändert. Zwar besitzen bundesdeutsche Haushalte mittlerweile 6,4 Millionen DAB+ Empfänger, aber 144 Millionen UKW-Radiogeräte. Von den mehr als 70 Millionen Einwohnern über 14 Jahre, empfangen rund 93% ihre Radioprogramme über die analoge UKW-Technik. (s. 47) Der Zuwachs an DAB+ Empfängern beruht vor allem auf digitalen Autoradios (2 Mio). "Autohersteller entwickeln derzeit neue Kommunikationseinheiten, die sich mit dem Smartphone verbinden lassen", sagt das Jahrbuch (S. 137). Dabei sollen unterschiedliche Verbreitungswege im Multimedia-Center des Autos integriert werden, seien es Internet, Mobilfunk, DAB+ oder UKW.

Die Medienanstalten müssen feststellen: "Den Durchbruch hat das Digitalradio aber noch nicht geschafft" (s.126). Trotzdem gibt man sich weiterhin zuversichtlich: "Die Digitalisierung des Hörfunks ist (...) 2015 deutlich vorangeschritten." (s. 46) Das liegt allerdings weniger an DAB+, sondern am Radioempfang per Internet. So loben die Medienanstalten die 2015 gestartete Internet-Plattform www.radioplayer.de. Über das Portal kann man den Livestream von rund 600 Radioprogrammen empfangen, aber auch DAB+ ,,gewinne zunehmend an Akzeptanz". Dann muß weniger vollmundig eingeräumt werden: "Diese Erfolge können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Gattung auf dem Weg zur vollständigen Digitalisierung noch zahlreiche Hürden zu überwinden hat." (s. 46)

Hatten die Medienanstalten in ihrem letzten Digitalisierungsbericht (2015) einen "Bedeutungsrückgang" des UKW-Empfangs vermeldet, heißt es jetzt nur noch, das analoge Radio sei "noch lange Zeit unverzichtbar" (s. 48). Nur über UKW könnten auch künftig große Hörerzahlen erreicht und damit die nötigen Werbeeinnahmen der erwirtschaftet werden. 

DAB+ der 'Schnelle Brüter' des Radios? 

 

Keinen Zweifel haben die Medienanstalten an der Zukunft des Online-Radios: "Das Internet hat sich nach UKW zum wichtigsten Verbreitungsweg für Radioanbieter entwickelt." (s. 135) Eine Aufstellung zeigt, UKW steht mit fast 93% (Mehrfachnennung möglich) unangefochten an der Spitze der Empfangswege für Radioprogramme. Aber danach folgt bereits das Internet mit knapp 30% Zuspruch, während DAB+ mit 10 Millionen Hörer an letzter Stelle liegt - hinter dem Empfang per Kabel und Satellit. (s. 47) Aber Vorsicht, das Internet verschafft den Radiosendern gefahrliche Konkurrenten, Musik-Download-Plattformen, wie Spotify oder Amazon und Apple

Alle Akteure im Radiobusiness sind beim Online-Radio - Mobil oder Festnetz - vor allem an den anfallenden Informationen über die Hörer interessiert. Die liefert der Nutzer beim Abruf eines Online-Programms, was dann zu individuellen Spots und Bannerwerbung führt. Diese Technik, 'targeting' genannt, wird etwa beim Onlinesurfen, oder Abruf von Videos angewandt. Gerade hat man nach einer Flugreise auf einem Reiseportal gesucht, da taucht auf der nächsten Homepage eine Bannerwerbung mit dem Reiseziel auf. Die Werber wollen ziegenau ihre Spots platzieren und das kann man im Internet hervorragend. Gefahren etnstehen da für konventionell verbreitete Medien - wie das UKW-Radio. Für die Medienanstalten ist deshalb klar, Radiosender: "müssen (...) auch im Internet präsent sein und (...) zusätzliche Angebote bereitstellen". (s.125) 

Während das DAB+ Netz fast flächendeckend ausgebaut ist, gibt es beim Mobilfunk technische Probleme. Der Empfang größerer Datenpakete - etwa beim Streaming - ist außerhalb von Ballungsgebieten nur unzureichend. DIe Mobilfunkunternehmen haben ihre  Netze vor allem in Großstädten für das Internet ausgebaut. Hinzu kommt, dass die Kapazitäten des Mobilfunks für ein Massenmedium kaum geeignet sind. So warnt ein Techniker einer ARD-Anstalt: "Wenn gleichzeitig viele Nutzer mobil online surfen, werden die Server und das Netz überlastet und können sogar zusammenbrechen". Diese begrenzten Kapazitäten "sind der Flaschenhals für Online-Radio als Massenmedium" unterstützt diese Warnung ein Mitarbeiter eines großen Privatradio-Veranstalters. 

Ein weiteres Problem ist die begrenzten Datenmenge vieler Mobilfunk-Flatrates. Ein durchschnittliches Radioprogramm verbraucht in einer Stunde etwa 60 Megabit. Die meisten Mobilfunknutzer haben eine Flatrate von 1 - 4 Gigabit. Das heißt, nach 17 bis 68 Stunden mobilem Online-Radio ist die monatliche Flatrate ausgeschöpft. 
 
Die Ergebnisse der Radio-Media-Analyse zeigt, jeder Hörer widmet sich täglich 234 Minuten seinen Radioprogrammen (Verweildauer) Damit würde aber eine Mobilfunk-Flatrate schon nach 17 Tagen - alleine durch die Radionutzung - verbraucht. Eine kostengünstigere Möglichkeit wäre ein Online-Zugang über einen W-Lan-Hotspot. Aber Deutschland ist mit 940 000 Hotspots ein Entwicklungsland - in Frankreich gibt es 13 Millionen. Vor allem haben auch Hotspots Kapazitätsgrenzen, die bei Überlastung zu technischen Abstürzen wie beim Mobilfunk führen können

Stehen nur technische Probleme dem Erfolg des digitalen Radios im Weg? Im Jahr 2015 sank die Radionutzung außer- Haus und im Auto. "Beide Trends zeigen, dass das Medium als Tagesbegleiter für unterwegs nicht mehr so stark gefragt ist. Das könnte auch mit dem Boom der Smartphones zu tun haben." (s. 146)  Fakt ist, dass 62% aller Einwohner bei uns ein Smartphone besitzen und Vier Fünftel damit außerhalb der Wohnung im Internet surfen. Aber nur 2% hören mit ihrem Smartphone täglich Radio. Und nach Ansicht der Medienanstalten ist hier für die Zukunft: "kein spürbarer Aufwärtstrend erkennbar." 



Insgesamt ist der Kritik der FAZ-Autoren nur zuzustimmen. Die Radiohörer haben an den digitalen Verbreitungstechniken wenig Interesse. Die mit DAB+ versprochene Vielfalt der Programme lässt sie kalt. Der Durchschnittshörer wählt sowieso nur zwischen wenigen Programmen aus. Angesichts des auch künftig geringen Interesses an DAB+ dürfte es auf absehbare Zeit über ein Nischendasein nicht hinauskommenDafür wurden bisher 100 Millionen Euro aus Rundfunkgebühren der Bürger verpulvert. Insgesamt sollen bis 2025 über 585 Millionen Euro für DAB+ ausgegeben werden






siehe auch:
http://medienfresser.blogspot.de/2016/03/digitalradio-muder-applaus.html
http://medienfresser.blogspot.de/2015/11/dab-wachst-sich-tot.html 
http://medienfresser.blogspot.de/2014/03/kef-macht-druck-beim-dab-digitalradio.html
http://medienfresser.blogspot.de/2013/09/digitalradio-dab-weitere-subventionen.html