Dienstag, 15. November 2016

Erster Weltkrieg - Leben unter deutscher Besatzung Teil III: Fremdbestimmt und Ausgebeutet


Nachdem im Oktober 1914 der Bewegungskrieg an der Westfront zum Stellungskrieg erstarrt war, wurde den Verantwortlichen im Reich klar, dass ein schnelles und siegreiches Kriegsende in weite Ferne gerückt war. Deshalb begannen sich die Besatzer in Nordfrankreich auf Dauer einzurichten. Es ging darum, einerseits die Ressourcen für die Kriegsführung zu nutzen, also Nahrungsmittel, Rohstoffe, Güter und Arbeitskräfte. Andererseits sollte jeder Widerstand der Zivilbevölkerung im Keim erstickt werden, erinnerte sich doch
Zivilbevölkerung vor einer Kommandantur (Bundesarchiv)
manch Altgedienter an die Franctireur-Aktionen im Besetzen Frankreich während des Krieges 1870/71. Zügig wurde deshalb hinter der Front ein dichtes Netz von Kommandanturen eingerichtet. Dabei sollten die französischen Bürgermeister und ihre Zivilverwaltung im Amt bleiben und die deutschen Befehle durchführen. Für ein eigenes Regime fehlten der Besatzungsmacht eigene Kräfte. (1) In und um La Capelle, einem kleinen Ort nahe der Belgischen Grenze, lebten damals etwa 7000 Menschen. Hier bestand die deutsche Besatzungsmacht aus einem kommandierenden Major samt einem Leutnant. Ihnen unterstanden ein Schreiber, ein Richter, zwei Kassierer, ein Sergeant sowie vier Unteroffiziere, zwei Sekretärinnen und weitere vier Mitarbeiter. Sie verfügten zur Umsetzung ihrer Befehle über arbeitsverpflichtete Franzosen und einen Trupp russischer Kriegsgefangener. (2) 


Zur Legitimation ihres Besatzungsregimes berief sich das Deutsche Reich auf die 1907 im niederländischen Den Haag verabschiedete Abmachung „betreffend die Gesetze und Gebräuche des Landkriegs". Laut dieser von 28 Staaten beschlossenen Landkriegsordnung war es einer Besatzungsmacht erlaubt (§52), seine Truppen aus den eroberten Gebieten zu versorgen. (3) Faktisch wurde dies aber in Nordfrankreich und Belgien zum Freibrief für Ausplünderung und Zwangsarbeit. Die polizeiliche Gewalt vor Ort übte die deutsch Militärpolizei - die Landjäger -
Militärkontrolle (Bundesarchiv)

aus. Diese Einheiten bestanden aus Soldaten, die entweder für den Frontdienst untauglich oder zu alt waren. Die Kommandanten in den Gemeinden verfügten damit faktisch über kaum beschränkte Machtbefugnisse und viele nutzten sie zu ihrem privaten Wohlbefinden. Aus diesem Grund waren die "Etappenschweine" bei  Frontsoldaten verhasst. Während sie in den Schützengräben lagen, ließen sich die 'Kleinen Könige' es im sicheren Hinterland gut gehen. Mit zunehmender Kriegsdauer wurden neben Militärs auch Zivilisten aus Deutschland in die Kommandanturen versetzt. Wichtig war für die Besatzer, einheimische Kollaborateure zu gewinnen. Sie konnten bei ihren Landsleuten unerkannt Informationen sammeln über Spione, untergetauchte Soldaten der Entente, und im Untergrund agierenden Widerstand.


Leben im Dreiklang: Hunger - Zwang - Demütigung


Wie sah der Alltag unter der Besatzung für die Zivilbevölkerung aus? Sie war einem strengen Reglement unterworfen, erhielt keine Nachrichten aus dem unbesetzten Frankreich oder dem neutralen Ausland. Man lebte fremdbestimmt und überwacht, musste in der Regel Zwangsarbeit leisten und Hungern. Am schlimmsten war der allgemeine Mangel, der Hunger traf dabei vor allem die Ältesten und Jüngsten, Städte stärker als Dörfer. Ohne internationale Hilfe neutraler Staaten - wie aus den bis 1917 neutralen USA - wären dem Hunger und Krankheiten viel mehr Menschen zum Opfer gefallen
Aushang der Kommandantur Valenciennes (Bundesarchiv)
. Durch die internationale Hilfe wurden in Nordrankreich und Belgien regelmäßig 6 Millionen Menschen versorgt, darunter 1,5 Millionen Kinder. Die permanenten Requirierungen der Besatzer betrafen nicht nur Lebensmittel, auch Haushaltsgegenstände, wie Bettgestelle, Öfen oder Matratzen mussten abgegeben werden. In der Großstadt Lille, durften nur über 65-Jährige ihre Betten behalten. 


In der Folge wachsender Versorgungsprobleme kam es immer wieder zum Ausbruch von Epidemien in der Zivilbevölerung. So brachen in Lille im Jahr 1915 gleichzeitig Typhus, Diphterie, Scharlach und Masern aus. Die Besatzer schoben darauf hin 100 französische Kinder in die Schweiz ab. Zunehmend erlaubte man Alten, Frauen und  Kindern die Ausreise in das unbesetzte Frankreich. Sie mussten allerdings den Transport mit der Bahn aus eigener Tasche bezahlen. Sie verlorane dabei ihre gesamte Habe, Häuser, Höfe und Felder. Die Ausreisenden wurden zuerst über Belgien nach Deutschland transportiert und später dann über die neutrale Schweiz ins unbesetzte Frankreich weitergeleitet. Im freien Frankreich angekommen, erlebten sie oft die Ablehnung durch Einheimische. Viele Flüchtlinge mussten in Lagern leben und wurden von der Bevölkerung gehässig als 'Boche du Nord' (Schimpfwort für Deutsche) verhöhnt. In Paris fielen sie oft wegen ihrer altmodischen Kleidung aus der Vorkriegszeit auf und wurden verspottet. Trotzdem kehrten nach Kriegsende nicht aller in die alte Heimat zurück. Insgesamt sollen etwa 200 000 Menschen aus dem Nordosten Frankreichs abgeschoben worden sei - zu ihnen gehörte auch meine Großmutter Flore.

Alle Männer in den Besatzungsgebieten zwischen 16- und 60 Jahren wurden, wenn sie nicht freiwillig für die Besatzer arbeiteten, ab 1916 in sogenannte "Zivil-Arbeiter Bataillone (ZAB)" eingezogen. Sie kamen in Lager, die mit Absicht weit entfernt von ihren Wohnorten lagen, viele wurden sogar ins Deutsche Reich deportiert. Man geht von mindestens 100 000 Zwangsarbeitern aus, die in Deutschland eingesetzt wurden - darunter befanden sich auch
Fröhliche Zwangsarbeiterinnen? - Propagandabild (Bundesarchiv)
Arbeit junge Mädchen und Frauen. Es gab in Siegburg bei Bonn ein spezielles Frauengefängnis, in dem man 600 Französinnen inhaftierte. Sie waren wegen angeblicher Spionage oder anderen Vergehen von den Besatzern zu Haftstrafen verurteilt worden.  (4) Viele der Deportierten starben aufgrund der katastrophalen Lebensbedingungen in den Arbeitslagern. In den Fabriken wurden sie von deutschen Vorarbeitern oft schikaniert und manche auch geschlagen. Man hatte den Deutschen eingetrichtert, es handele sich bei den Gefangenen um gefährliche Verbrecher. Wer die Qualen überlebte, litt oft noch nach Kriegsende unter gesundheitlichen und seelischen Problemen.




Einquartierung - Propagandabild (Bundesarchiv)
Meine Großmutter Flore, die den Krieg als 14-jähriges Mädchen in ihrem Dorf St.Benin erlebt hatte, erzälhe uns 60 Jahre später am liebsten über komische Erlebnisse mit den Besatzern. (http://1913familienalbum.blogspot.de/2014/08/le-cateau-1914-der-krieg-kommt-zu.html ) So habe eines Tages ein bei ihrer Mutter einquartierte deutscher Soldat versucht, ein ‚Spiegelei’ zu bekommen. Die Mutter verstand nicht, was er wollte und so schleppte der Soldat aus dem Wohnzimmer einen Spiegel heran. Dann zeigte er darauf und nahm ein Ei – sie begriffen aber nicht, was er meinte. Auf Französisch nennt man ein Spiegelei, einfach "oef frit" - gebratenes Ei. Lachend erzählte sie auch von dem Soldaten, der seinen Hund im Haus immer laut "Ruhig!" rief – deshalb glaubten sie, dies sei sein Name. Solche Geschichten erzählte die alte Frau und lachte dabei wie ein junges Mädchen. 
 

Militiärkontrolle (Bundesarchiv)
Über schlimme Erlebnisse sprach sie nur selten. So erzählte sie einmal davon, wie sie mit ihrer Mutter Ende August 1914 während der Schlacht von Le Cateau mit im winzigen Keller des Häuschens in der Rue Faidherbe im Dorf St-Benin Schutz vor dem Beschuss gesucht hatten. Tief in ihr Gedächtnis eingeprägt - sie weinte, als sie uns davon erzählte - sprach sie davon, wie sie durch deutsche Soldaten verhaftet wurde. Die damals 14-Jährige war eines Tages außerhalb ihres Dorfes von einer Militärkontrolle angehalten und festgenommen worden, da sie keinen Passierschein besaß. Kein Zivilist durfte damals seinen Wohnort ohne Genehmigung verlassen. Die Soldaten nahmen das junge Mädchen mit und sperrten sie mehrere Tage lang ein. An einem Morgen sah sie aus ihrem Zellenfenster, wie im Innenhof ein Mann hingerichtet wurde. Sie erzählte, es habe sich wohl um einen deutschen Flieger gehandelt, der Desertiert und wieder eingefangen worden sei. Ob es so war, weiß ich nicht, allerdings wurden während des Krieges im besetzten Frankreich etwa 300 Todesurteile vollstreckt, darunter 11 an Frauen. (5)

Die Ausgangsbeschränkungen für die Zivilbevölkerung waren rigide, man brauchten sogar einen Passierschein, um auf die Felder zur Arbeit zu gelangen. Reisen waren in der Regel für Zivlilisten verboten - der Besuch von Kranken etwa, wurde nicht genehmigt. Die Benutzung eines Fahrrades war Zivilisten ebenso verboten, wie das Telefonieren. Es bestand keine Möglichkeit, Briefe in das unbesetzte Frankreich zu schicken. Mit ihrem harten Regiment wollten die Besatzer die Menschen buchstäblich unterwerfen. Außerdem grassierte bei den Deutschen allgemeine Furcht vor Spionen, Man schreckte auch nicht vor Terror zurück. So wurden im März 1916 Frauen und junge Mädchen aus der Stadt Lille deportiert, Historiker beurteilen solche Methoden heute als "ebenso zufällig wie grausam - vollkommen sinnlos". (6) In ländlichen Gebieten wurden später auch Kinder zur Zwangsarbeit auf den Feldern eingesetzt. Oft ging es bei den Schikanen darum, der Zivilbevölkerung ihren Stolz zu nehemen. So wurden ab 1915 die Namen von Straßen- und Plätzen eingedeutscht. In einigen Regionen war es der Zivilbevölkerung verboten, in der Öffentlichkeit Französisch zu sprechen. An jedem Haus wurde eine Liste der Zahl der Bewohner mit Angabe ihrer Berufe ausgehängt. Alle wehrfähigen Männer mussten sich regelmäßig auf der Kommandantur melden. Jeder Landwirt mit war gezwungen, den Besatzern eine Liste der Tiere auf seinem Hof abzuliefern, kein Tier durfte ohne Genehmigung verkauft werden. Den Taubenzüchtern wurde befohlen, alle Vögel zu töten – die Besatzer fürchteten, sie könnten zur Spionage genutzt werden. Als sich in Le Cateau ein Züchter weigerte, wurde er öffentlich hingerichtet. (7) 

Viele Regelungen oder Beschränkungen dienten damit der Demütigung und oft der Befiedigung der Machtgelüste örtlicher Militärkommandanten.
Die Besatzer ließen es sich gut gehen (Bundesarchiv)
So befahl einer von ihnen in einem Dorf, dass jeder Franzose auf der Straße vor einem Deutschen den Hut zu ziehen habe. Verstieß jemand, wurde er mit 20 Mark Strafe (damals eine hohe Summe) oder drei Tagen Gefängnis bestraft. Kriegsgefangene französische und britische Soldaten wurden von den Besatzern mit Absicht durch die Städte getrieben - um die Zivilbevölkerung zu demütigen. Ein Franzose wurde ins Gefängnis geworfen, weil er vor den Gefangenen seinen  Hut gezogen hatte. Es war Verboten, dass Zivilisten im Gespräch mit einem deutschen Offizier die Hand in der Hosentasche behielt. Wer an den von der Kommandanten angeordneten Paraden und Aufmärschen nicht teilnahm, wurde zwei Wochen lang eingesperrt, auf den Straßen durften nicht mehr als drei Zivilisten zusammen stehen. Wer in der Öffentlichkeit die Farben der französischen Trikolore trug, kam ins Gefängnis. Für alle Zivilisten galt täglich ein Ausgehverbot zwischen 18 Uhr und 7 Uhr am nächsten Morgen. Wer in dieser Zeit im Haus Licht machte, wurde bestraft.


Der tägliche Überlebenskampf beherrschte den Alltag, denn vor allem in den Städten war die Versorgungslage katastrophal. Pro Tag bekam die Zivilbevölkerung pro Jopf 150 Gramm Roggenmehl und 250 Gramm Kartoffeln. Fleisch gab es höchstens einmal die Woche – 150 Gramm. Überall blühte der Schwarzhandel und die Kriminalität breitete sich aus, die allgemeine Moral sank und nicht wenige Frauen versuchten, mit Prostitution sich und ihre Kinder zu ernähren - oft kämpften ihre Männer auf französischer Seite, waren gefallen oder in detuscher Gefangenschaft. In Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues" findet sich eine Szene, in der deutsche Soldaten dafür Französinnen mit Brot und Wurst 'bezahlen'. Der 1928 erschienene Roman "Schlump" von Hans Herbert Grimm bietet ebenfalls Einblicke in das Leben in den besetzten Gebieten

Nach der Befreiung Ende 1918 kam es jedoch nicht zur blutigen 'Abrechnung' mit Kollaborateuren. Die Frauen, die sich im Ersten Weltkrieg mit den Besatzern eingelassen hatten, kamen meist glimpflich davon, wurden vielleicht sozial geächtet, und manchmal auch körperlich mißhandelt - aber dies erreichte nie das Ausmaß, wie 1944 nach der Befreiung. Die zwischen 1914-1918 unehelich geborenen Kinder wurden von den Standesämtern ohne Angabe der Vaterschaft registriert. Man geht von etwa 10 000 Kindern aus, die aus solchen deutsch-französischen Beziehungen stammte. Während der Besatzung stieg die Zahl der Abtreibungen stark - es gibt allerdings darüber keine sicheren Zahlenangaben. Als sich die Deutschen 1918 zurückziehen mussten, versuchten einige Soldaten den französischen Müttern die von ihnen gezeugten Söhne (!) abzukaufen. Zwar waren Eheschließungen deutscher Soldaten mit Französinnen nicht direkt verboten, aber man versetzte sie umgehend an die Ostfront. (7a)  


 

Widerstand und Fluchthilfe

 

Nach Munitions-Explosion in Lille: 1000 Mark Belohnung für Informationen
Organisierten Widerstand, wie in der ‚Resistance’ im Zweiten Weltkrieg, gab es während des Ersten Weltkrieges nicht. Ein Grund dafür war die große Zahl deutscher Soldaten vor Ort. Es entstanden in den ersten Kriegsmonaten aber kleine Gruppen, die etwa der deutschen Propaganda etwas entgegensetzen wollten. Im September 1914 erschien in Lille die von der Besatzungsmacht heausgegebene "Gazette des Ardennes" (4000 Exemplare - 1917: 175 000). Dbei wurde sie von einem französischen Journalisten unterstützt. Im Gegenzug erschien Anfang 1915 das von einer kleinen Widerstandsgruppe in Lille produzierte "Le Journal des occupés...inoccupés". Das wenige Seiten umfassende Blatt zirkulierte nur in 80 Exemplaren, vor allem unter den gebildeten Schichten - aber seine Nachrichten wurden auf vielen Wegen weitergegeben. Die franzöische Gruppe in Lille nutzte dazu einen Funkempfänger. Damit emfping man die, Informationen des vom Eiffelturm in Paris ausstrahlenden Senders. Sie wurden von dort mit dem Morse-System verbreitet, ein Vorläufer des Radios. Die Widerstandgruppe versuchte ihrerseits Informationen aus den besetzten Gebieten ins das freie Frankreich zu funken. In der Folge kam es zu Sabotageaktionen oder Luftangriffen der Entente etwa auf Bahnstrecken.  

Wichtig waren die Organisationen, die versprengten Soldaten der britischen Armee zur Flucht verhalfen. Auch junge Franzosen im wehrfähigen Alter versuchten den Deutschen zu entkommen, da sie festgenimmen und wie Kriegsgefangene behandelt wurden. Ende 1914 entstand so eine verzweigte Untergrundorganisation, die diesen Männern über Belgien zur Flucht in die neutralen Niederlande verhalfen. Damals waren nach den Grenzschlachten und den oft chaotischen Rückzugsgefechtenviele britische und französische Soldaten von ihren Einheiten versprengt und versteckten in Wäldern, Bauernhöfen - aber auch Städten. Die Helfer lebten dabei immer in der Gefahr der Todesstrafe, die die Besatzungsmacht dafür androhte. So forderten ab Herbst 1914
deutsche Plakate die untergetauchte Soldaten der Entente auf, sich bis zum 4. Dezember zu stellen – danach werde jeder gefasste Soldat wie ein Spion behandelt und erschossen werden. (8) Gemeinden, die Versprengten halfen, wurden mit hohen Geldstrafen belegt und ihre Honoratioren mit Deportation bedroht. Im Februar 1915 verkündete der deutsche Kommandant von Nouvion en Thierache, auf seinen Befehl habe man elf versteckte britische Soldaten zusammen mit ihren Unterstützern festgenommen und exekutiert. (9) An der Suche nach Untgergetauchten, beteiligten sich in Zivil auftretende deutsche  Agenten. (10) Im Sommer 1915 wurden alleine in Lille 200 angebliche Fluchthelfer festgenommen, der Chef der Gruppe, Eugène Jacquet, wurde deshalb am 22. September hingerichtet – heute erinnert in der Stadt ein Denkmal an ihn und seine Helfer. (11) Auch Frauen beteiligten sich an diesem Widerstand, am bekanntesten wurde die britische Krankenschwester Edith Cavell, die 1915 wegen Spionage von den Besatzern hingerichtet wurde. 

Kriegsende - Narben

 

Im September 1918 brach die deutsche Westfront weitgehend zusammen, das kaiserliche Heer zog sich in Richtung Deutschland zurück. Dabei hinterließ es eine Spur der Verwüstung. Noch einen Tag bevor Lille am 17. Oktober befreit wurde, sprengte deutsches Militär dort Brücken und Bahngleise. Die Bevölkerung wurde sogar noch aufgefordert, für deutsche Soldaten Unterwäsche abzuliefern. (12) Zehn Tage, nachdem die ersten britischen und französischen Truppen die seit vier Jahren besetzte Stadt befreit hatten, nahm am 28. Oktober der britische Munitionsmininster, Winston Churchill, die Siegesparade der Entente in Lille ab. 

Bei ihrem Rückzug setzten die Deutschen die Innenstadt von Cambrai in Brand und vertrieben die Bevölkerung. Für viele von ihnen war diese Zeit voller Not, überall grassierte die 'Spanische Grippe'. Viele Menschen starben daran, vor allem weil sie vom Hunger geschwächt waren und das betraf am härtesten Kinder und Alte. Oft wurde die Zivilbevölkerung von den Deutschen gezwungen, den abziehenden Besatzern zu folgen. Da sie aber in dem Chaos kaum verpflegt wurden, fand man viele, die am Straßenrand gestorben waren. (13) Im Herbst 1918 kehrte außerdem der Krieg in die besetzten Regionen zurück, die bereits im August 1914 verwüstet worden waren. So war es auch bei Le Cateau und St. Benin - die Region wurde erneut zum Kampfgebiet. Die Opfer der Schlacht am Flüßchen Selle findet man überall auf den Friedhöfen, so etwa auch auf dem kleinen Dorffriedhof von St. Benin. Dort liegen in einer Reihe die Gräber australischer Soldaten, die 1918 hier gefallen waren. Das weinge Kilometer entfernte Le Cateau wurde bei den Rückzugskämpfen schwer in Mitleidenschaft gezogen.


Nach der Befreiung registrierte man in Lille, das fast alle Kleinkinder Untergewicht hatten, 80% der Jugendlichen litten unter Entwicklungsstörungen - viele unter Tuberkulose - junge Mädchen kamen später in die Pubertät. Noch 20 Jahre nach Kriegsende konstatierte ein Beobachter, die Generation der Kriegskinder in Nordfrankreich sei geschwächt und körperlich sowie geistig "ruiniert". (14) Der Sieg war für die unter Besatzung Lebenden bitter erkauft, ihre Erlebnisse interessierten die Franzosen im freien Teil des Landes nicht - und so schwiegen die Betroffenen über ihre Erlebnisse.


Schlachtfeld 1916
Die Zurückkehrenden fanden eine zerstörte Heimat vor. Standen ihre Häuser, Wohnungen oder Bauernhöfe noch, dann lebten darin jetzt andere - zumeist auch Flüchtlinge. Die Felder waren vom Krieg verwüstet und überall mussten die Spuren der Kämpfe beseitigt werde - dazu gehörten auch die vielen Toten. Insgesamt stellte man in den einst besetzten Gebieten einen Bevölkerungsrückgang gegenüber 1913 von 8% bis 50% fest. Es mussten daher zur Räumung der Schlachtfelder Arbeiter aus Indochina angeworben werden, ab 1919 setzte man dazu auch deutsche Kriegsgefangene ein. Diese Arbeiten liefen noch, als 1939 der Zweite Weltkrieg begann und die Region zwischen 1940-1944 erneut Besetzt wurde. 

Meine Großmutter Flore kehrte nach 1918 in die Heimat zurück wurde Arbeiterin in einer Mühle und später in einer
Verdun 1964
Fabrik für Keramikfliesen. Sie heiratete und bekam 1923 eine Tochter, doch der Krieg ließ sie nicht frei. Ihr Mann Clotaire starb zehn Jahre nach Kriegsende an einer Gasvergiftung, die er im September 1918 bei Cambrai erlitten hatte. Im Mai 1940 kehrten dann die Deutschen - diesmal die Nazi-Wehrmacht - zurück in ihre Region. Sie erzählte, dass sie im Sommer 1940 in Lille auf dem Marktplatz einen großen Aufzug deutscher Offiziere sah. Unter ihnen habe einer gestanden, der "einen Bart wie "Charlot" hatte (Charlie Chaplin) gestanden. Es war Adolf Hitler, der die Region besuchte, in der er während des Ersten Weltkrieges als Melder hinter der Front gelebt hatte... 



 



(1) www.wegedererinnerung-nordfrankreich.com - Homepage der Region Pas de Calais.

(2) Helen McPhail: The long silence, Tauris Publisher, 2001 S. 41

(3) siehe Anmerkung 2

(4) https://de.wikipedia.org/wiki/Haager_Landkriegsordnung 

"In den Artikeln 42 bis 56 sind Regelungen zum Verhalten einer Besatzungsmacht auf besetztem feindlichen Gebiet festgelegt. Ein Besatzer ist unter anderem verpflichtet, die öffentliche Ordnung und das öffentliche Leben wiederherzustellen und aufrechtzuerhalten (Artikel 43). Die Bevölkerung eines besetzten Gebietes darf nicht zu Kriegshandlungen gegen ihr eigenes Land gezwungen werden (Artikel 44 beziehungsweise 45 in den Fassungen von 1899 beziehungsweise 1907). Entsprechend Artikel 44 der Fassung von 1907 ist es darüber hinaus verboten, die Bevölkerung eines besetzten Territoriums zu Herausgabe von Informationen über das eigene Heer oder über dessen Verteidigungsmittel zu zwingen. Die Einziehung von Privateigentum ist ebenso verboten wie Plünderungen (Artikel 46 und 47). Kollektivstrafen an der Bevölkerung für die Taten Einzelner sind verboten (Artikel 50)."

(4) siehe Anmerkung 2 

(5) Larissa Wegener, Occupation during the war, International Encyclopedia of the Forst World War, Juni 2016

(6) Jean Jacques Becker/Gerd Krumeich, Der große Krieg, Klartext Verlag, 2010, S. 86ff.

(7) McPhail, a.a.O. S.

(7a) Wegener a.a.O

(8) Mc Phail a.a.O S. 27

(9) a.s.O. S. 30 ff

(10) a.a.O. S. 42 ff

(11) ebenda S. 120 ff
(12) ebenda S. 190 ff
(13) a.a. O 199ff 
(14) ebenda. S. 204ff 

Montag, 24. Oktober 2016

Chios: Das neue Mastix-Museum ist einfach schön!


Die fünftgrößte Insel Griechenlands, Chios, ist für ein Produkt weltberühmt: Mastix. Was ist Mastix? Es handelt sich um ein Harz einer speziellen Pistazienart, das nur hier von den Bäumchen produziert wird. Mastix war bereits in der Antike ein 'Exportschlager' der Insel. Im Mittelalter war das Harz im Orient und besonders im Osmanischen Reich - zu dem die Insel damals gehörte - als 'Kaugummi' der Haremsdamen beliebt. Noch heute wird Mastix in der Türkei und arabischen Ländern geschätzt. Mittlerweile weiß man, dass das Harz antiseptisch wirkt und bei Magenbeschwerden hilft. Darüber hinaus wird es zur Herstellung von Kosmetika und auch spezieller Lacke verwendet.

Im Frühsommer 2016 wurde das Mastix-Museum von Chios, nahe der Kleinstadt Pirghi im Süden der Insel eröffnet. Der in einen Hügel gebaute Bau aus Holz und Stahl fügt sich mit seinen großen Panoramafenstern in die Landschaft ein. Von dort hat man einen grandiosen Blick auf die Mastix-Region, wie auch die Südküste - bis hin zur nahegelegenen  türkischen Küste bei Cesme

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 Die große Halle des Museums bietet in verschiedenen Segmenten Informationen über den Mastix-Anbau und die Geschichte von Chios. Eine moderne Multi-Media-Installation gibt eine optisch ansprechende Zusammenfassung. Im Kellergeschoss des Museums wurden alte Maschinen aufgebaut, die einst zur Produktion und Verpackung des Mastix und seiner Produkte dienten. Mit einem Knopfdruck kann sie der Besucher für einige Sekunden in Betrieb setzen. 

In mehreren Vitrinen werden abschließend die Produkte aus Mastix präsentiert - vom Kaugummi (ELMA) über Limonade bis zu Kosmetik und Gesundheit reicht dabei die Palette, die man später auch im angeschlossenen Museums-Shop erwerben kann. Vor dem
Museum kann man durch eine kleine Plantage von Mastix-Bäumen gehen und so einen direkten Eindruck vom Anbau der Pistazienart bekommen

Die rund 3000 Mastix-Bauern im Süden der Insel pflegen ihre Plantagen, die teilweise seit Urzeiten in Familienbesitz sind. Im Jahr 1938 schlossen sie sich zu einer gemeinsamen Dachorganisation der Mastixproduzenten zusammen, über die im Museum informiert wird. Alte Fotos zeigen die weltweiten Vertriebswege des Mastix in den 1950er Jahren.

Die Gewinnung des Mastix-Harzes ist sehr

Arbeitsaufwändig. Der Boden um die Bäume wird Anfang Juli gereinigt und mit besonderem Sand bestreut. Danach werden die Bäumchen mit speziellen Messern angeritzt, damit das klare Harz heraustropfen kann. Diese "Tränen von Chios" werden dann aufgesammelt und müssen danach mühsam per Hand von Blättern, Steinchen und weiterem Unrat befreit werden. Im Spätherbst werden dann die Pinien für die Ruhezeit des Winters zurückgeschnitten. In
den Mastix-Dörfern sieht man während der Ernte überall ältere Frauen, die gemeinsam vor den Häusern sitzen und dort die kleinen Mastix-Tropfen in großen Schalen heraussammeln. Jeder Baum kann im Jahr bis zu 200 Gramm des gelblich-durchsichtigen Harzes produzieren, für das bis zu 80€ pro Kilo bezahlt wird. 

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Das Museum bietet einen Überlick auf die Mastix-Produktion, aber auch die jahrhundertealte Lebensweise in den Dörfern des Südens von Chios. Nach dem Besuch kann man im Kaffe eine Erfrischung zu sich nehmen und dabei den weiten Blick über die Mastix-Region genießen. Von hier aus erreicht man in wenigen Minuten die alten Dörfer, die teilweise noch wie in der Zeit des späten Mittelalters aussehen

Öffnungszeiten: 

1. März - 15. Oktober           10-18 Uhr täglich (Dienstag geschlossen) 
16. Oktober - 28. Februar    10-17 Uhr (Dienstag geschlossen)

Eintrittspreis: 3 €, ermäßigt 1,50 €

Behinderte haben freien Eintritt

 

Donnerstag, 1. September 2016

ARD Thementag Digitalradio - PR-Veranstaltung - kein Journalismus


Selbstlob ist doch immer das schönste Lob - vor allem, weil es ohne Kritik auskommt. Da veranstaltet die ARD am 29. August 2016 den "Thementag Digitalradio". Wer umfassende Information erwartete, wurde enttäuscht. Es ging nur darum, für die Digitalradiotechnik DAB+ zu trommeln. In den 60 ARD-Radioprogrammen und im Fernsehen wurde an diesem Tag die PR-Keule für DAB+ geschwungen. Dafür habe man "Verantwortliche aus Politik, Medien sowie der Automobilindustrie zu Wort kommen" lassen, teilte einen Tag später die ARD-Pressestelle dazu mit. Die ARD-Vorsitzende und Intendantin des Mitteldeutschen Rundfunks, Karola Wille, formulierte das Ziel der Aktion: "Die Eindeutige Botschaft des Digitalradiotags war: Die Zukunft des Radios ist digital - und DAB+ bedeutet mehr Radio." Kritik - Interessen - Akzeptanz? Kein Thema!

Die Rheinland-Pfälzische SPD-Ministerpräsidentin Malu Dreyer forderte, alle Gerätehersteller müssten verpflichtet werden, ihre Radiogeräte auch für den DAB+Empfang auszurüsten. Damit fand sie natürlich das volle Lob des Vorsitzenden der Direktorenkonferenz der  Landesmedienanstalten (DLM), Siegfried Schneider. Deutlich vorsichtig äußerte er sich in einer Pressemitteilung der DLM über die immer wieder geforderte Zwangsabschaltung der analogen UKW-Verbreitung durch einen politischen Beschluss. 

Herr Schneider als Präsident der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien (BLM) ist für das Wohlergehen der Kommerzradios im Freistaat zuständig. Und die sind nämlich - nicht nur in Bayern - kaum erpicht auf Konkurrenz durch zusätzliche DAB+ Programme. Das kostet Hörer und damit vor allem Werbeeinnahmen. Und an den immensen Kosten für DAB+ wollen sie sich schon gar nicht beteiligen. Die für die Festsetzung der Rundfunkgebühren verantwortliche Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF), rechnet für einen Umstieg von UKW auf DAB+ bis 2025 mit Kosten von 585 Millionen Euro. Bezahlen sollen das die Haushalte mit ihrer Rundfunkabgabe, dabei zeigen sie bisher kaum Interesse am digitalen DAB+Radio. In bundesdeutschen Haushalten stehen gerade einmal 6,4 Millionen Digitalradios - aber 144 Millionen UKW-Empfänger. Und die Nutzung der Programmvielfalt? Die täglich vom Durchschnittshörer eingeschalteten Programme lassen sich an einer Hand abzählen. Eigentlich gibt es nur einen Profiteur - die Rundfunkanstalten selber. Sie hoffen, mit der neuen Technik die Kosten für die UKW-Sender deutlich senken zu können.

Damit verfolgt auch die ARD ziemlich eigennützige Interesse beim digitalen Radio. Aber das Thema wurde beim "Thementag Digitalradio" kaum behandelt. So wurde beim Kulturradio SWR-2 in einem Interview über die internationale Begeisterung für DAB+ schwadroniert. Im hochgelobten DAB+ Land Großbritannien wurde der Abschalttermin für UKW mittlerweile auf 'Unbekannt' verschoben - die erforderliche Nutzungszeit für DAB+ von 50% konnte bisher nicht erreicht werden. In Schweden und den Niederlanden wurde die Abschaltung von UKW sogar aufgegeben.

Es ist schon mehr als bedenklich, wenn eine der Information verpflichtete Institution wie der ARD, ihr Programm zur Propaganda benutzt. Hätte man die Beiträge mit einem Jingle als Werbung gekennzeichnet, wäre das OK gewesen. Dieser "Thementag Digitalradio" widerprach für mich jedenfalls journalistischen Prinzipien. 

https://medienfresser.blogspot.de/2016/07/digitalradio-wird-dab-vom-internet.html 

Sonntag, 21. August 2016

2016: St.Pauli beim VfB - As time goes by...


Frustrierte 11 mit Ewald
Wie die Zeit vergeht - 8. August 2016. Bei meinen jährlichen Besuchen der Auftritte des FC.St.Pauli in Baden-Württemberg spüre ich das. Nicht nur, das Ewald gerade mal ein Jahr älter ist als ich, auch das Publikum hat sich gewandelt. Dabei war es doch gar nicht so lange her, dass ich am Millerntor die alten Knaben der 'Vor-Hafenstraße-Ära' belächelte. Und nun ist man selbst ein Silberrücken, den das junge Volk irritiert.

Aber: Im Vergleich mit den Durchschnitts-VfB-Fans fallen die St Paulianer immer noch auf, manche verströmen immer noch den etwas heruntergekommenen Charme von: "Wir sind Zecken, asoziale Zecken, wie schlafen unter Brücken, oder in der Bahnhofsmission!" Und da sind wir auch bei dem, was mir auffällt und nicht unbedingt gefällt.

http://1913familienalbum.blogspot.de/2016/08/2016-fc-stpauli-vfb-as-time-goes-by.html 

Dienstag, 16. August 2016

Erster Weltkrieg - Leben unter deutscher Besatzung - Teil II: Panik und Chaos



Anfang 1919 besetzten Truppen der siegreichen Entente die linksrheinischen Gebiete des
Deutsches Propaganda-Plakat 1919 (Bundesarchiv)
Deutschen Reiches. Die fremde Besatzung blieb vielen Einwohnern als Zeit der Fremdbestimmung, Unterdrückung und Ausbeutung in Erinnerung. Im Jahr 2009 zeigte der Westdeutsche Rundfunk (WDR) die TV-Dokumentation "Der Feind am Rhein". Dort  berichteten Zeitzeugen über ihre Erlebnisse (youtube). Ein beeindruckendes Filmdokument zeigt eine französische Militäreinheit, die durch die Straße einer deutschen Stadt marschiert. Am Rand stehen deutsche Zivilisten, darunter viele Männer mit einer Kopfbedeckung. Sie verfolgen die Parade und auf einmal läuft ein französischer Soldat zu einem Mann und schlägt ihm den Hut vom Kopf - er hatte ihn nicht abgenommen. Ein Dokument der öffentlichen Demütigung.



Was war aber während der vierjährigen Besetzung Belgiens und Nordfrankreichs durch die deutsche Armee geschehen? Einhundert Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges beschäftigen sich deutsche Historiker und Autoren mit dem Thema nur am Rande. Lange habe ich nach deutschsprachiger Literatur über die Besatzung gesucht - ohne Erfolg. Dann stieß ich auf das Buch "The long silence - Te tragedy of occupied France in World War I" der britischen Autorin Helen McPhail. Erstmals 1999 in Großbritannien veröffentlicht, schildert die Autorin anhand von Tagebüchern und Dokumenten, wie die Besatzungszeit von der Zivilbevölkerung erlebt wurde. (1) Bezeichnenderweise hat sich bis heute bei uns kein Verlag für eine deutsche Ausgabe gefunden. Ein deutscher Historiker, den ich anlässlich seines Vortrags im Stuttgarter Staatsarchiv 2015 auf das Buch ansprach urteilte herablassend: "ziemlich oberflächlich". 

Gewalt und Schrecken


Die Zivilbevölkerung erlebte während der deutschen Besatzung weitaus Schlimmeres, als die Deutschen im Rheinland nach Kriegsende erdulden mussten. 1914-1918 lebten 2,5 Millionen Menschen in Nordfrankreich, sowie 6 Millionen Belgier unter deutscher Besatzung. Schon damals zeigte sich, das viele Deutsche die Belgier und Franzosen als 'Minderwertig' ansahen, dem der überlegene deutsche  'Herrenmensch' gegenüberstand. Selbstüberschätzung und Hybris* prägten das Selbstbild der deutschen Eliten und großer Teile der Bevölkerung bereits im Kaiserreich und sie waren ein Grund für die militärische wie politische Niederlage im Ersten Weltkrieg.


Die Gewaltexzesse der deutschen Soldaten beim Einmarsch in Belgien und in Nordfrankreich in den ersten Kriegsmonaten hatte mehrere Ursachen. Der sogenannten 'Schlieffen-Plan', der die Umzingelung der französischen Armee vorsah, war von Anfang an unrealistisch. "Der Schlieffen-Plan sah eine Wehr des Gegners nicht vor" sagt Gerd Krumeich, emeritierter Professor für Geschichte an der Universität Düsseldorf. (2) Die unerwartet heftige Gegenwehr der Belgier und der Franzosen, die großen deutschen Verluste schon in den ersten Tagen des Krieges, dies enthemmte die deutschen Soldaten wie auch ihre Offiziere. Die kriegsunerfahrenen Soldaten, durch Gewaltmärsche ausgelaugt, gerieten oft in Panik und beschossen sich gegenseitig. Dies wurde später als Partisanenangriff verschleiert, wie im Fall der zerstörten belgischen Stadt Löwen. Dazu kam die Furcht vor den Freischärlern, dem Mythos des 'Franktireurs' des 1870er Krieges gegen Frankreich. Damals hatte es in von Deutschen besetzten Gebieten immer wieder Aktionen gegen die Soldaten gegeben. Die Folge war, das zwischen August und Oktober 1914 über 6500 Zivilisten - Männer, Frauen und Kinder - von deutschen Soldaten in Belgien und Nordfrankreich ermordet wurden. (3) Auch nach dem Krieg fand sich in deutschen Antikriegs-Romanen das Bild des hinterhältigen belgischen Zivilisten. (4)

Meine französische Großmutter erlebte den Einmarsch und die Besatzung am eigenen Leib - und sie erzählte uns, wie sie als junges Mädchen den Krieg erlebt hatte. Auch wenn ihre Geschichten nicht immer historisch genau waren, so konnten wir erahnen, wie ihr Alltag unter deutscher Besatzung ausgesehen hatte. Flore Gaspard (später Aubry) wurde 1900 im Dorf St.Benin, im Departement Nord, nur wenige Kilometer von der nordfranzösischen Kleinstadt Le Cateau, geboren. Auf dem Dachboden ihres Häuschens fanden wir noch alte Uniformknöpfe der Bayerischen Armee, die als Besatzer hier einquartiert waren. Mit gerade 14 Jahren war das Arbeiterkind Flore vom Krieg in ihrem Dorf überrascht worden

Zivilbevölkerung auf der Flucht (Bundesarchiv)
Im August 1914 herrschte in Nordfrankreich ein unvorstellbares Chaos. Nach den verlustreichen Grenzschlachten fluteten die geschlagenen französischen Soldaten nach Süden, verfolgt von einer Million deutscher Soldaten der Ersten und Zweiten Armee. Mit den französischen. belgischen und britischen Soldaten verstopften die Flüchtlingstrecks der Zivilisten die Straßen. Sie versuchten mit Pferdewagen oder zu Fuß und schwer bepackt, den Deutschen zu entkommen. Die Älteren erinnerten sich noch mit Schrecken an die deutsche Besatzung im Krieg von 1870/71

In der zweiten Augusthälfte erreichte der Krieg auch St.Benin. In dem Dorf lebten etwa 800 Menschen, zumeist Bauern, Landarbeiter und Fabrikarbeiter. Nachdem das Britische Expeditionskorps (BEF) die Deutschen im belgischen Mons nicht hatte aufhalten konnte, zog es sich wieder in Richtung Süden zurück. Mit ihnen flohen auch viele belgische Zivilisten, so erschien in Le Cateau ein belgischer Bankier, der den Goldschatz seines Instituts mit sich führte. Er ließ Geldscheine im Wert von 8 Millionen belgischer Francs verbrennen und übergab sein Gold an einen französischen Armeezahlmeister. (5)

Am 26. August 1914 stellte sich zwischen Le Cateau und Cambrai das Britische Expeditionskorps erneut zum Kampf, um damit den deutschen Vormarsch aufzuhalten. Meine Großmutter erlebte die Schlacht direkt vor ihrer Haustür. http://1913familienalbum.blogspot.de/2014/08/le-cateau-1914-der-krieg-kommt-zu.html Noch heute findet man überall in der Region verstreut kleine britische
Franzosen werden durchsucht... (Bundesarchiv)
Soldatenfriedhöfe. Das Britische Expeditionskorps konnte General von Klucks 1. Armee nur kurze Zeit aufhalten. Deshalb zog sich die BEF am Abend weiter nach Süden - Richtung Guise zurück. Die Rückzüge der Alliierten Truppen erfolgte in großer Hast. Deshalb waren viele kriegsfähige Männer aus der Region noch nicht zur französischen Armee eingezogen worden. Dazu gehörte mein Urgroßvater Paul Gaspard. Der damals 40-Jährige wollte sich der Gefangennahme durch die Deutschen entziehen.  Er hatte früher als Kolonialsoldat der französischens Armee gedient und verstand etwas Deutsch. So verkleidete sich Paul als Landarbeiter und machte sich, mit einer Hacke 'bewaffnet', auf den Weg nach Süden.
Veteranen Ausweis Paul Gaspard
Eine Nacht verbrachte er versteckt in einem stillgelegten Hochofen, am nächsten Tag aber lief er einer deutschen Patrouille in den Weg. Er gab spielte den Soldaten den etwas naiven und 'geistig minderbemittelten' Landarbeiter vor, der auf dem Weg aufs Feld war. Die Offiziere diskutierten, was er  verstand, dann ließ man ihn laufen. Später erreichte er die französischen Linien und kämpfte bis Kriegsende in der französischen Armee.Flore und ihre Mutter blieben alleine zurück in St.Benin. (6)


Beim Rückzug der BEF-Truppen wurden auch viele britische Soldaten versprengt. Sie versteckten sich in Bauernhöfen und Wäldern der Region und versuchten, mit Hilfe der französischen Zivilbevölkerung, in die neutralen Niederlande zu entkommen. Manche blieben auch in den Dörfern, dabei drohten die deutschen Besatzer ihnen und ihren Helfern mit standrechtlicher Erschießung. Bekannt ist die Geschichte des britischen Schützen Robert Digby, der sich 18 Monate lang im Dorf Villeret bei Peronne verstecken konnte. Er verliebte sich in ein Mädchen des Dorfes, die von ihm ein Kind bekam. Im Mai 1916 wurde er aber verraten - man weiß nicht genau durch wen - und verhaftet. Wenige Wochen danach wurde er als Spion verurteilt und erschossen. (7) Während der deutschen Besatzung wurden insgesamt 300 Todesurteile in den besetzten Gebieten vollstreckt, darunter befanden sich 11 Frauen. (8)

Siehe auch Teil III 

* Hochmut, Überheblichkeit, Vermessenheit - Duden

(1) Helen McPhail, The long silence - The tragedy of occupied France in World War I, Ibtauris publishers London-New York, 1999, Neuauflage 2001. 

(2) Analyse von Professor Gerd Krumeich auf youtube: https://www.youtube.com/watch?v=9OW6RPYnpyo
(3) John Horne, Alan Kramer, Deutsche Kriegsgreuel 1914 - die Umstrittene Wahrheit, Hamburger Edition 2004.  
(4) Ludwig Renn, Krieg, 4. Auflage 1929, Fankfurter Societäts-Druckerei/Verlag

(5) McPhail a.a.O. S. 22
(6) Erzählung Flore Aubry 
(7) Ben McIntyre, Ein Dorf in der Picardie, Blessing Verlag 2003
(8) Larissa Wegener: Occupation during the War (Belgium and France), International Encyclopedia of the First World War (englisches Summary ihrer Doktorarbeit an der Universität Freiburg), Juni 2016